Run and Ommm

running yogini

Das Trail-Nonplusultra UTMB – Unvergessliches vom Streckenrand

4 Kommentare

c28 Wer auf Trails läuft, Trailwettkämpfe bestreitet, Trailmagazine liest, in Trailforen stöbert oder mit Trailläufern (-Freaks 😉 ) abhängt, stösst früher oder später auf diese vier Buchstaben, die mit einer gewissen Ehrfurcht, einem Hauch von Angst und viel Respekt ausgesprochen werden. Read-my-lips: U-T-M-B. Aaaah..

Und früher oder später kamen sie auch an mein Ohr. Der Ultra-Trail-du-Mont-Blanc ist ein aussergewöhnlicher Wettkampf, ein Abenteuer für die ganz großen Ultraläufer, eigentlich ein Sahnehäubchen im Trailläuferleben: Rund 168km mit fast 10.000 Höhenmetern müssen bezwungen werden, eine Strecke mit vielen Hochgebirgspassagen und teilweise schweren Wetterbedingungen, weshalb der Wettkampf in den letzten Jahren schon einige Male verkürzt oder abgebrochen werden musste. Zugelassen werden nur Läufer mit guter Trailerfahrung, das heißt es müssen bei anderen Trailwettkämpfen Punkte gesammelt werden (Transalpine Run, Zugspitz Ultra, etc.) und auch dann werden die Start-Plätze erst verlost, so groß ist der Andrang. Ebenso die Plätze für die Parallelwettkämpfe CCC (101km), TDS (119km), PTL (295km als Mannschaft) und OCC (52km) sind heiss begehrt.

In meinem Umfeld wurde vor der Auslosung nervös mit den Fingern geschnippt, mit den Hufen gescharrt, geplant und gejubelt. Fotos von der Strecke mehrten sich im Netz und ich ertappte mich immer wieder beim Durchforsten der Teilnehmerlisten, des Höhenprofils, der Vorjahresberichte. Keine Frage, das Spektakel wollte ich live vor Ort erleben, auch wenn es nicht einfach werden sollte, einfach spontan sang- und klanglos für vier Tage zu verschwinden (an dieser Stelle ein HipHipHurrah an meine Ma und die beste Oma der Welt).

So stieg ich also kurzfristig in den Flieger nach Genf und fuhr weiter mit dem Bus zum Austragungsort, in das französische Städtchen Chamonix. Mit im Bus unverkennbar zwei Läufer, die etwas stumm aus dem Fenster lugten und die näher kommenden Berge beäugten. Den Angstschweiss konnte ich riechen, nicht mal ein Auflockerungsversuch meinerseits half, aber hey, ich wollte ja auch nur zuschauen.

Chamonix empfang uns mit strahlendem Sonnenschein, ein kleines Städtchen inmitten von imposanten Gebirgen, ich war entzückt! Ich rief den beiden Mitfahrern noch schnell ein Good Luck! zu und wurde aus dem Bus geworfen, direkt vor dem kleinen Chalet de Beaumont, wo sich die mir teils bekannten deutschen Läufer Ulf Mathias, Kersten, Uwe, Thomas, Andre und Patrick  auf das Rennen vorbereiteten. Mit dabei auch Matze, der als Masseur und gute Seele der Truppe die schweren Läuferbeine versorgte. Mit ihm zusammen wollte ich später während des Rennens die Verpflegungspunkte abfahren.ch6Ich erwartete nervöses Zusammensuchen der Ausrüstung, ein zappeliges Auf- und Abgehen oder zumindest konzentrierte Stille. Aber was war das? Sie dösten in der Sonne, bräunten sich die Nasen, spielten mit dem Hofhund oder schnippelten in der Küche fröhlich Gemüse für ihr letztes Mahl. Völlig entspannt!! Oh Mann… Thomas, der schon seit 20 Jahren Veganer ist, zauberte uns eine himmlische Sojabolognese-Pasta, in die ich mich hätte reinlegen können. Und auch ohne Carboloadingbedarf ass ich zwei Teller davon. Danach wollte ich aber noch unbedingt in die Stadt hinein, Chamonix entdecken und endlich den berühmten Start-Zielbereich sehen!

Das Städtchen ist recht übersichtlich und voll auf den Berg- und Laufsport eingestellt: Ein Sportladen reiht sich neben dem anderen, alle bekannten Trailsportmarken kann man hier finden, was auch viele zum Shopping einlädt, wie ich an den Tüten und Taschen in den Händen der Spaziergänger sehen konnte. Toppen konnten das nur noch „unsere“ Läufer direkt vor/nach dem Wettkampf, aber dazu später mehr.. Auf jeden Fall war die Stadt übersäät von Trailläufern und -fans, die sich die Zeit bis zum Lauf vertrieben, ein seltenes Bild!

Über die Fußgängerzone geschlendert, vorbei an Northface & Co konnte ich schon von Weitem die Lautsprecherstimme im Zielbereich hören, nur noch einmal ums Eck und da war er endlich, der „Altar“:

ch9Direkt vor einer kleinen Kirche gelegen, im Hintergrund der kleine Hausberg, stand der Start- und Zielbereich, der Ort, den ich schon so oft auf youtube gesehen habe (und wie immer wirkt Alles auf Bildern und Filmen viel größer als es tatsächlich ist). Ich postierte mich noch ein Weilchen am Streckenrand und verfolgte den Zieleinlauf von zahlreichen OCC-Teilnehmern; jeder einzelne wurde namentlich angekündigt und von den Zuschauern mit Kuhglocken und lautem Applaus empfangen. Oft rannten ihnen Familienmitglieder entgegen und mit den Kleinsten an der Hand liefen die Trailer glücklich ins Ziel. Ich kann mir nicht helfen, muss hier immer ein Tränchen mitverdrücken, auch wenn ich die Finisher nicht kenne. All das Training, der Schweiss und der Verzicht sind in diesem Moment vergessen. Es zählt das Ziel und die stolzen Gesichter der Angehörigen. Hach.

Nun wollte ich noch etwas Kraft tanken, denn in den nächsten 60 Stunden war an Schlaf nicht zu denken. Ich wollte den Start der „Großen“ miterleben, die meisten Stationen abfahren, anfeuern, supporten, mitfiebern und klammheimlich hoffte ich, meine Favoritin Rory Bosio, die Vorjahressiegerin, zu erblicken.

In unserer Gruppe machten sich Kersten und Mathias am Wettkampftag schon früh auf den Weg, ihre 101km-Strecke begann in Courmayeur und Start war bereits um 9Uhr. Die restlichen UTMBler hatten Zeit bis 17.30. Erst dann sollte der Start erfolgen und der Lauf in die erste  Nacht hinein beginnen. Ich wollte die letzten Vorbereitungen nicht stören, schnürte meine Laufschuhe und erkundete laufend die Gegend von Chamonix:

c26c30

 

Es war ein Traum! Wilde Bäche und kleine stille Seen, in die ich am liebsten hineingesprungen wäre, Wälder, Wiesen und Felswände, an denen Kinder fleißig ihre Kletterstunden nahmen, immer wieder Läufer, Wanderer, Mountainbiker,…   Ganz klar: Chamonix und Umgebung gefiel mir und musste ein anderes Mal ganz dringend länger erkundet werden. Ich sah auch immer wieder Campingwagen, vor denen lässig die Insassen relaxten, die ich klar als UTMBler identifizierte (man erkennt sowas halt). Die Unterkunftspreise sind während eines solchen Events nicht gerade billig, und wenn man eh zwei bis drei Nächte unterwegs ist, kann man sich ein Hotelbett doch  sparen. Macht Sinn.

ch1 So langsam musste ich zurück, meinen Rucksack packen (so herrlich sommerlich das Wetter tagsüber war, so kalt sollt es nachts werden. Es mussten Daunenjacke und Mütze mit) und dann zurück mit den Läufern in die Stadt zum Startbereich. Verrückt, wie sich das kleine Nest in wenigen Stunden so füllen konnte. Überall Läufer mit Startnummern, noch mehr Angehörige, noch mehr Freunde,… die Luft brodelte und man konnte die Anspannung spüren… Nicht so aber bei Thomas und Patrick, die eine Stunde vor ihrem Start noch Lust auf Shoppen bekamen. Da musste hier noch eine Regenhose gekauft werden, da noch eine Gurttasche, und drüben eine Flasche. 60 Minuten vor dem Start! Die Nerven der Jungs hätte ich gerne ;-)… Dann endlich also dann auf zur Startaufstellung.cccch10Hier warteten die Läufer schon seit teils längerer Zeit geduldig auf der Strasse, um einen guten Startplatz zu ergattern. Ich wünschte allen viel Glück, nochmal gedrückt, geherzt, und Matze und ich düsten einige Hundert Meter weiter, um einen guten Blick auf die Starter zu erhaschen.

Und da passierte es: fünf Minuten vor dem Start verdunkelten sich die Wolken und es fielen die ersten Regentropfen. Was für ein Pech! Bald goss es in Strömen und wir Zuschauer wurden in Sekundenschnelle nass. Wie sollte es den Läufern gehen? Gleich zu Beginn? Zähneknirschend fluchten wir ein wenig, aber da war Nichts zu machen. Wenigstens war es nicht sehr kalt. Der Startschuss ertönte und es ging los. Die Zuschauer am Strassenrand gaben Alles, es wurde abgeklatscht, applaudiert, die Kuhglocken bimmelten laut. Ich erhaschte einen Blick auf Iker Karrera und andere Favoriten, rief, jubelte, feuerte an. Die meisten Läufer hatten ihre Regenjacken angezogen und ich konnte die Erleichterung in den Gesichtern erkennen, dass es nun endlich losgehen konnte. c555 Dann war die Masse (rund 2300 Läufer) an uns vorbeigezogen und es wurde still in Chamonix. Ich musste daran denken, dass die meisten Läufer nun zwei lange Nächte vor sich hatten, und mir wurde erst jetzt der Umfang und die Härte dieses Wettkampfs richtig bewusst. Um uns herum diese imposanten Gebirge, das richtig fiese Wetter, die baldige Dämmerung, puh.. Mir wurde ganz anders und ich schickte so etwas wie ein kleines Gebet nach oben, damit zumindest niemandem etwas Ernsthaftes zustoßen möge..

 

Matze und ich stärkten uns in einem Sandwichladen und holten das Mobil, um zum Verpflegungspunkt bei km 31, Les Contamines, zu eilen. Unterwegs blieben wir im Stau stecken, da nicht nur wir beide diese Idee hatten und unsere Gesichter wurden immer länger. Dieses Schweinewetter (es regnete Bindfäden), und dann standen wir auch noch bei Saint-Gervais auf einer Strasse fest und verpassten womöglich unsere Läufer. Gerade als wir feststellten, dass diese Strasse direkt an der Laufstrecke vorbeiführte, sahen wir wie aus dem Nichts plötzlich Andre und kurz darauf Ulf vorbeirennen. So schnell konnten wir gar nicht die Scheiben öffnen, also brüllten wir so laut wir konnten und schlugen gegen die Tür bis sie uns erblickten. Sie erkannten uns und lachten. Das war so nicht der geplante Support, aber wir waren zufrieden und unsere Laune stieg wieder. Und endlich ging es auch weiter in der Auto-Karawane und wir erreichten Les Contamines doch noch rechtzeitig. Da wir Assistance-Pässe hatten, konnten wir direkt zum abgesperrten Verpflegungszelt durch, und darüber waren wir sehr froh, denn draussen wären wir in Minuten klitschnass geworden. ch12Wir beobachteten also die ankommenden Läufer und stellten fest, dass alle vollkommen durchnässt waren, die wenigsten sich jedoch länger mit Verpflegung aufhielten, viele zogen trockene Sachen an und stürmten weiter. Bei km 31 ist wohl noch keine lange Rast erforderlich, zumindest bei den Ultras. Ziemlich bald kamen auch Andre und Ulf angerauscht, und auch sie blieben nur kurz. Ulfs Stirnlampe machte Probeme, er musste die Ersatzlampe tragen und gab uns die Aufgabe, neue Batterien zu besorgen. Wir schauten uns an: Nachts in Chamonix? Wird doch kein Problem sein, eine Tankstelle zu finden! In Wirklichkeit suchten wir in den nächsten Stunden vergebens und wurden erst im Chalet fündig, Thomas hatte zum Glück Ersatzbatterien dabei. Aber bis dahin wurde es schon Tag. So liefen die UTMBler weiter in die verregnete Nacht hinein und wir mussten auch intensiv an Kersten und Mathias denken, die bei ihrem 101km-Lauf nun bald schon über 12 Stunden unterwegs waren, und die der Regen sicher ebenfalls quälte. So teilten wir uns jetzt auf. Matze wollte zum Zielbereich und die beiden in Empfang nehmen, ich wollte mit dem Shuttlebus durch diesen endlosen Tunnel bis nach Courmayeur fahren und dort supporten…

Ich musste bis spät in die Nacht warten, bis uns, ein Grüppchen von Supportenden und Fans, ein Shuttlebus abholte und nach Courmayeur brachte. Im Internet sah ich bereits, dass Timothy Allen Olson verletzungsbedingt aufgegeben hatte und an der Verpflegungsstelle in einem Liegestuhl weilte und sich erholte. Nur zu gern hätte ich einen Blick auf ihn erhascht, aber ich kam zu spät, da war er schon weg…

In Courmayeur diente eine große Turnhalle als Verpflegungspunkt, und in den Vorräumen und Garderoben warteten die Menschen auf ihre Läufer. Sie wärmten sich auf, schliefen auf den Turnmatten, tranken Kaffee aus Thermoskannen, es war schön zu sehen, dass niemand trotz der späten Stunde auf die Unterstützung verzichten wollte…ch13Dann zückte ich wieder meinen „Pass“ und durfte in die Assistance-Zone hinein. Dort traf mich erst mal eine Wolke aus extremen Gerüchen, die ich zunächst nicht einordnen konnte, bald wurde mir jedoch klar, dass dies Schweiss, Blut, Gewebsflüssigkeit sein musste. Ich verzog mich in ein Eckchen und beobachtete das Geschehen: Mit schmerzerfüllten Gesichtern zogen die Läufer ihre Schuhe von den Füßen und noch vorsichtiger die durchnässten Socken. Teils von Regen und Schlamm, teils von Blut. Die Blasen die ich erkennen konnte, waren riesig, die Füße verschrumpelt wie nach einem stundenlangem Bad, unbeschreiblich. Nach rund 77 Kilometern, davon die meisten in Regen und Schlamm, war dies die logische Konsequenz, dennoch kaum zu ertragen. Hin und wieder bat mich jemand um Hilfe beim Ausziehen einer Jacke oder eines Schuhs, es war deutlich, dass durch diese Verpflegungsstelle niemand mehr raste, man saß, tankte Kraft, musste Wunden pflegen und verarzten, endlich trockene Socken und Schuhe anziehen. Da erblickte ich Birgit, die Frau von Uwe, der ebenfalls bald einlaufen sollte. Birgit begleitete ihren Mann mit dem Auto, sie fuhr jeden einzelnen Verpflegungspunkt ab, nachdem beide das  vorab so exakt wie möglich berechnet hatten. Ich ziehe meinen Hut vor ihr, denn wie sie sich die zwei Tage und Nächte wachhalten  und dabei auf die engen Strassen und Serpentinen konzenztrieren konnte, frage ich mich bis heute. Das musste fast noch härter sein als der Lauf selbst. So konnten wir kurz quatschen, als schon André reinrauschte.. Er sah relativ frisch aus und ich stellte fest, dass er sehr zügig weiter wollte. Er setzte sich kurz, atmete durch, wechselte einige Sachen und düste auch recht schnell weiter. In dem Moment sahen wir auch Ulf kommen, der ebenfalls ein Pokergesicht aufsetzte, zumindest konnten wir keinen Schmerz in seinem Gesicht lesen. Doch er hatte Probleme mit Blasen und war froh, dass frische Socken und Schuhe auf ihn warteten. Ich half ihm aus den Schuhen, gab ermunternde Worte und sah erleichtert, dass auch er schnell weiter wollte. Von da an  sind Ulf und Andre fast die gesamte restliche Strecke gemeinsam gelaufen, immer zog, unterstützte und motivierte einer den anderen, ein tolles Team! Auch Uwe kam bald in Courmayeur an, doch wo blieben Thomas und Patrick? Im Netz konnte ich verfolgen, dass sie noch ein ganzes Stück vor Courmayer lagen, 2 Anstiege standen ihnen noch bevor und  ich konnte schlecht vorhersagen, wann sie eintreffen würden, aber es beruhigte mich zu sehen, dass auch sie gemeinsam liefen… ich fand es schade, dass ich sie weder unterwegs, noch im Ziel mehr treffen konnte, da ich Sonntag recht früh zu meinem Flieger musste. Aber als ich hörte, dass beide Sonntag Nachmittag glücklich ins Ziel gerauscht sind, musste ich grinsen. Was für hartnäckige Freaks, grandios!

Ich fuhr mit dem Bus zurück nach Chamonix, legte mich für zwei Stündchen hin und gratulierte später beim Frühstück den glücklichen CCC-Finishern Kersten und Mathias. Sie grinsten über beide Ohren, immer noch berauscht vom Rennen und eigentlich ohne große Blessuren. Hut ab.

Wir beschlossen, den Rest des Rennens zu viert mit Ulfs Trail-Mobil abzufahren und ich muss sagen, wir waren eine so gute Truppe. Matze steuerte uns sicher durch die Berge & Dörfer, Mathias war ständig uptodate mit dem Rennverlauf und konnte genau ausrechnen, wann wer wo ankommen musste, Kersten kommentierte vieles mit einem herrlich trockenen Humor und ich musste mich eigentlich nur beherrschen, vor Lachen nicht einzupipi-en…c444

 

 

 

 

 

Gegen vierzehn Uhr wollten wir das Ankommen der UTMB-Ersten nicht verpassen und warteten in den Gassen von Chamonix auf Francois D´Haene, den UTMB-Sieger dieses Jahres, gefolgt von den Zweit- und Drittplatzierten Tofol Castaner Bernat und Iker Karrera. Nach 20Stunden, elf Minuten und 44 Sekunden beendete Francois die Strecke. Meine Favoritin und erneute Siegerin Rory Bosio verpasste ich leider, denn wir mussten weiter.c17c16

So fuhren wir zu den Punkten nach Trient, Vallorcine und La Flégère, die Kuhglocke immer dabei, die Matze lautstark einsetzte, wann immer ein Läufer vorbeikam. Die Gesichter, der Gang, der Laufschritt, alles sah mittlerweile nach starker Erschöpfung aus, bei km 140-150 war das nun wirklich kein Wunder. Und auch Andre und Ulf liefen nun langsamer ein, Ulf hatte sich Red Bull und ein alkoholfreies Bier gewünscht, und genau wie Batterien nachts war alkoholfreies Bier tagsüber Mangelware in Chamonix. Wir gaben uns größte Mühe, klapperten Supermärkte ab, aber bekommen haben wir ein Radler-ähnliches Getränk, welches Matze dannletztlich austrank. Na wenigstens Redbull konnten wir den Zweien servieren.

Die zweite Nacht brach langsam herein, wir warteten vor dem allerletzten Anstieg nach Tete aux vents und dieses Bild hat sich für immer in mir eingebrannt: Hunderte Stirnlampen, die wie Glühwürmchen im Zickzack langsam den Berg hochwanderten und sich verliefen mit den Sternen, die ebenso hell leuchteten. Keine Stirnlampe stoppte, alle wanderten stetig weiter und hoch, und Nichts symbolisierte für mich in diesem Moment mehr das Never-ever-give-up, als dieses Bild.

Ulf und Andre liefen also auch hier ein und vorbei und wir spornten sie ein allerletztes Mal an. Das nächste Wiedersehen sollte erst im Ziel sein. Wir waren mittlerweile ziemlich erschöpft, aber das Ziel musste definitiv sein! So warteten wir also wieder im Zentrum von Chamonix und jubelten heiser und nach Leibeskräften den Finishern zu. Um diese Uhrzeit, es war schon weit nach Mitternacht, standen leider nur wenige Familienmitglieder am Ziel, und hin und wieder verirrten sich Jugendliche aus der Dorfdisco und grölten laut mit. Eigentlich schade, denn die Athleten, die hier um diese Zeit finishten, waren wirklich im oberen Feld.

Dann kamen sie endlich, unsere Helden: Hand in Hand liefen sie nach rund 33 Stunden ins Ziel und trotz der Müdigkeit und Erschöpfung mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Wir flippten fast aus vor Freude. Ihr seid der Wahnsinn!Andre Es wurde gedrückt und gratuliert, gequatscht und gelacht. Für eine halbe Stunde durften sie in die Stühle eines Cafes fallen und sich unseren Fragen stellen, bevor wir sie im Trail-Mobil ins Chalet brachten, wo sie in den bombenfestesten Schlaf ihres Lebens fielen.  Kurz darauf kam auch Uwe ins Ziel und auch Birgit durfte dann endlich ins Bett 😉

Patrick und Thomas sollten am frühen Nachmittag ins Ziel laufen, doch da musste ich leider schon meinen Bus nach Genf nehmen, wo mein Flieger wartete. Zu dieser Tageszeit waren die Gassen und der Zielbereich wieder brechend voll, so dass beide unter lautem Jubel und Applaus finishen sollten, ein Gänsehautmoment, den sie sich verdeint hatten. Auch hier nocheinmal großen Glückwunsch…

Im Bus fielen meine Augen fast augenblicklich zu vor Erschöpfung, doch ich erlaubte mir noch einen Blick zurück auf Chamonix, das zu diesem Moment noch hoch feierte: Auf die schneebedeckten Berge, die Stunden zuvor noch tapfer zigfach bestiegen wurden und auf den blauen Himel, der ganz unschuldig mit wunderschönstem Sonnenwetter die Menschen in Chamonix empfing, als hätte es diesen kalten Regen nie gegeben. Und ich spürte den Spirit der letzten Stunden, der mit diesem Ereignis einherging: Wenn Du Dir ein Ziel setzt, darf es Dich ruhig im ersten Moment ängstigen, Dir zu groß erscheinen, dann ist es genau richtig für Dich. Und dann verfolge es Schritt für Schritt, gebe nie, niemals auf. Denn wie kannst Du wissen, ob Du Grenzen hast, wenn Du sie nie überschreitest? Ich bin dankbar, diesen Spirit miterlebt und in die Gesichter dieser entschlossenen Männer und Frauen geblickt zu haben.

 

 

Nachwort: Es ist nun einige Zeit seit dem UTMB vergangen, die Wunden sind geleckt, der Hype hat sich (ein klein wenig) gelegt. Ich habe mir fest vorgenommen, nach Chamonix wiederzukehren, aber nicht ohne mitzulaufen: Ich liebäugele mit dem MontBlanc Marathon oder dem OCC Wettkampf von 52 Kilometern, mehr sprengt im Moment noch meine Grenzen (ach ja, die)….

Und eigentlich dachte ich, ich hätte das größte Spektakel schon miterlebt, da setzen mir Ulf und Kersten plötzlich einen Neuen Floh  ins Ohr: Tor des Geants,  Distanz: 330 Km. Read-my-lips: Tor des …… .Aaaahhhhh!!!

4 Kommentare zu “Das Trail-Nonplusultra UTMB – Unvergessliches vom Streckenrand

  1. Danke für den grandiosen Bericht und den tollen Support, das werde ich nie vergessen!!

    Gefällt mir

  2. Was für ein schöner Bericht. Und was für ein wunderbares Erlebnis es erst für dich gewesen sein muss.
    Toll

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s