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Der Zugspitzultratrail 2015 – Schlechtes Wetter kann uns Nichts…

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grainau

In meiner Timeline fällt in den letzten Tagen zunehmend oft das Zauberwort ZUT, und siehe da: Tatsächlich, der Countdown zu diesem einmaligen Trailevent, bei dem ich vor 2 Jahren meine Liebe zum Rennen in den Bergen entdeckt habe, läuft schon wieder. Und unvermittelt habe ich grinsend ein Bild vor meinen Augen: Ich schrubbe und schrubbe meine Salomons in der Badewanne und sehe dem Schlamm zu, wie er in dem Abfluss verschwindet. Und während sich Schweisstropfen auf meiner Stirn bilden, da die sommerlichen Temperaturen die Dachgeschosswohnung in eine Sauna verwandeln, denke ich an das Trail-Highlight des deutschen Sommers 2015 Zugspitzultratrail zurück und kann nicht glauben, dass wir uns in einem Winterklima wiederfanden, in dem zwei Kleiderschichten kaum ausreichten.

salomons

Aber zum Anfang:

Voller Vorfreude reisten wir in Grainau an, in diesem Jahr wollte wieder einmal die halbe Trailfamilie vorbeikommen, teilnehmen, die Zugspitze erobern…Und wir den Supertrail von 60 Kilometern.  Auch wenn wir die Tage zuvor den Wetterbericht skeptisch beobachteten, der Regenschauer und Kälte vorhersagte, wollte der Optimismus nicht weichen und selbst am Vortag des Rennens versicherte mir Tamara Metzler, die gute Seele des Organisationsteams, mit einem Augenzwinkern, dass der Regen für den einen Tag aussetzen sollte, dies gehöre nunmal zur Rennorganisation. Wir wollten ihr so gerne glauben.

Also genossen wir die Pastaparty, trafen dort viele Freunde und bekannte Gesichter und vergaßen rasch die fetten Regentropfen, die auf das Festzeltdach prasselten. Anschließend rasch ins Quartier, das Rennequipment brav zurechtgelegt und vorsichtshalber gegen das Salomon-Röckchen und für die warme Tights entschieden. Eine gute Entscheidung, da lange Hosen am nächsten Tag von der Rennleitung zur Pflicht erklärt wurden.

Der nächste Morgen wurde von langen Gesichtern empfangen. Auf das Dach unseres Häuschens fiel der Regen gnadenlos laut, es war grau und bitterkalt und das machte das frühe Aufstehen schwer. Ich fragte mich zwischendurch, wie ich die folgenden 60 Kilometer und 10 Stunden Dauerregen ertragen würde, aber es half Nichts, wir würden es bald erfahren.

Grainau morgens

Wenn du auf schlechtes Wetter fluchst,
verzerrst noch wütend dein Gesicht,
bedenke – was du auch versuchst:
Das Wetter int’ressiert es nicht

Wir  machten es uns zunächst einmal im warmen  Shuttlebus bequem, der gemütlich gen Startort Leutasch-Weidach tuckerte. Und gerade war ich durch das sanfte Schütteln kurz eingeschlumert, als uns der Busfahrer mit einem vergnügten „Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen“ in den Regen hinausschmiss. Da standen wir nun also, zusammengepfercht unter dem Dach eines Wartehäuschens und warteten auf die Startaufstellung. Wir hörten, dass das Wetter sich mittlerweile so verschlechtert hatte, dass eine Streckenänderung  möglich sei. Und auch die Strecke der 100km-Läufer sollte aufgrund des Wetters und des daraus resultierenden Risikos verkürzt werden. Unser Grinsen war ein wenig steif und aufgesetzt, aber wir wollten das Beste aus diesem Tag machen, und so sollte es endlich losgehen.

start

start1Sobald der Startschuss ertönte, war, und ich übertreibe nicht, die Resignation über das Wetter vergessen. Der Regen störte nicht mehr, es wurde uns schnell warm und wir befanden uns im Rennmodus.

Noch heute lache ich über die erste große tiefe Pfütze in Leutasch, die wir Läufer alle noch sorgfältig umrundeten, damit unsere Füße trocken blieben. Kurze Zeit später sollten wir durch Flüsse und kleine Bäche schlürfen, und unser Schuhe nicht mehr trocken werden, aber gut…

Zunächst galt es, sein eigenes Tempo zu finden, und einmal kräftig Luft zu holen für den ersten großen Aufstieg zum Scharnitzjoch, den man nicht mehr wirklich laufen, sondern meist nur noch kampfwandern konnte.

Ich verfiel in meinen Power-Hike und versuchte, Ulf, der locker davonstampfte, nicht aus den Augen zu verlieren. Doch zu meiner Freude blickte er immer wieder zurück und blieb in meiner Nähe… pünktlich in 1700 Metern Höhe (Suunto-Check) verwandelte sich der Regen in Schnee und die Berglandschaft in ein weisse Sahnehauben. Ich konnte es nicht fassen. Es war doch Sommer! Und wir so im Skimo-Modus… Ulf twitterte vergnügt ein Bild von mir auf dem Gipfel, während ich schniefend auf jeden Schritt achtete. IMG_3767Der Weg war durchweicht und schlammig, und der erste Downhill des Tages versprach, abenteuerlich zu werden.

uphill

snow1

Lass dich nicht von hohen Bergen schrecken
wenn sie auch furchtbar Ihre Häupter recken!
Blicke ihnen in Ihr Angesicht,
Denn so schlecht wie Menschen sind sie nicht!“

Wir beschleunigten, doch der Downhill war so rutschig, dass immer wieder Läufer an mir vorbeisausten und im Matsch landeten. Zwei Mal konnte ich einen Sturz nur durch meine Laufstöcke verhindern, einmal sogar im halben Spagat ;-). Es war eine tolle Rutschbahn, und ausser dass wir furchtbar aufpassen mussten, ging es mir noch sehr gut. Ich genoss die Strecke, die Stimmung, auch das Fluchen vieler Mitläufer. Die Natur hat immer die Oberhand, da kann man Nichts machen… Sommer gleich Winter gleich Sommer.

40togo

An der Verpflegungsstelle Hubertushof hielten wir uns nicht allzu lange auf, wir knabberten kurz an ein paar Nüssen und wollten schnell weiter. Vielleicht hätte ich hier mehr auf Vorrat essen sollen, denn einige Kilometer darauf spürte ich trotz des Gels, das ich schnell lutschte, dass meine Kräfte etwas nachliessen. Oh nein, schon jetzt? Habe ich mich auf dem ersten Berg durch das rutschige Terrain verausgabt? Rächten sich nun die viel zu kurzen „langen“ Läufe?

Auf der nun folgenden, sich ewig hinziehenden Forststrasse entlang der Leutasch nach Mittenwald  führte ich erste leise Kurzgespräche und antwortete höchstens mit einem grimmigen Brummen auf Ulfs vergnügte Fragen. Mir wurde schwach. Noch ein Gel, nun ging´s wieder. Ich lief vor mich hin. Aber irgendwie spüre ich, wie sich meine Tanks leerten.

Als nächstes ging es in Richtung Ferchensee und ich erinnerte mich, wie wunderschön ich diesen Abschnitt im Jahr zuvor empfunden habe. Das klare Wasser und die Berg-See-Idylle lenkten mich ein wenig ab, ich blieb im meditativen „Vorwärts-Modus“, war allerdings keine allzu unterhaltsame Begleitung für Ulf: Er quatschte, ich blieb stumm, sparte jede erdenkliche Reserve für den letzten großen Aufstieg zur Bergstation Alpspitzbahn. Noch ahnte er nichts von der tickenden Zeitbombe neben sich und summte fröhlich vor sich hin.

 

brücke

Doch bevor es endlich an den erwarteten Serpentinen-Aufstieg ging, folgten lange Forststrassen-Kilometer, immer wieder hinauf und hinab.

Ulf fragte mich, wie es mir ginge und da gab ich es zum ersten Mal zu: „Ich kann irgendwie nicht mehr, bin leer.“ Seine Antwort war das kleine Fünkchen, das das Feuern zum Lodern brachte: „Ach was, das ist Alles nur Kopfsache.“

Ich sah plötzlich Nichts mehr von der unfassbaren Schönheit meiner Umgebung, sondern nur noch die Farbe Rot: „Wie bitte???? Ich treffe hier mitten auf dem Trail zum ersten Mal in meinem Läuferleben überhaupt den Hammermann, der sich grinsend über mich hermachte und mit voller Kraft auf mich eindrosch und meine Begleitung spricht von Kopfsache?????“ AUS-DEM-WEG.

Ich stampfte wutschnaubend weiter und kämpfte mich Meter für Meter hoch, stieg über kleine Bäche und Pfützen, schlürfte durch Schlamm und Geröll. Aber der tollste Trailmatsch, der mich sonst zum Lachen gebracht hätte, konnte mich nicht aufmuntern: Ich war leer. Irgendwann musste ich die Ernährung vergessen haben, die Kälte liess mich viel seltener an den Getränke-Flasks nuckeln und trinken, ich hatte keine einzige Salztablette genommen. So viele Fehler, die sich jetzt rächten. Mein Geist wollte weiter, mein Körper hörte einfach auf, er konnte nicht mehr. Einige Läufer überholten uns auf der Serpentine und mussten denken, wir hätten einen Knall: Wir stritten lautstark, wer Recht hatte; ein handfester Zoff auf dem Uphill. Oh Mann… Und ich weiss es noch wie gestern: Ich drehte mich um und schaute in die Berge, in den Nebel und in die Wolken, die so tief lagen und wusste: DAS ist die Grenze, von der Alle reden. DIESE musst Du jetzt überschreiten, HIER musst Du weitergehen. JETZT musste Dein Geist einfach das Steuerrad übernehmen und weitermachen. Eine andere Option gab es sowieso nicht. Zu keinem Zeitpunkt dachte ich ans Aufgeben, nur das Ankommen war so unendlich weit weg.

Ich ging also weiter. Und während mir heiße Tränen das Gesicht herunterliefen, schämte ich mich gleichzeitig für meinen Ausbruch, der so gar nicht zu meinem heldenhaften Finish, den ich mir erträumt hatte, passte. Hier waren die Alpen!!  Grandiose Serpentinen, herrliche Geröllhaufen, Alles, was ich so liebte. Und stattdessen machte ich auf Dramaqueen. Es musste weitergehen. Die Glocken der anfeuernden Menschen auf dem Gipfel rückten näher und als wir ums Eck den Sportfotografen erblickten, konnte ich sogar wieder lächeln. Es war ein mühevolles Flugbegleiterlächeln, aber es war wieder da. Und kurz danach die nächste und letzte Verpflegungsstation an der Talstation Längenfelder: Cola!! Meine Rettung!!! Ich trank in Sekundenschnelle das Koffein-Zucker-Gesöff und stopfte mir Kekse in den Mund, ruhte mich kurz aus und spürte, wie die Kräfte zurückkamen: Verrückt und unglaublich! Noch vor 20 Minuten wollte ich mich einfach nur hinlegen und sterben, jetzt konnte es nicht schnell genug weitergehen!

Ulf und ich schauten uns an und fingen an zu lachen. Was für ein Theater da unten, bloss gut, dass es zwischen der Zugspitze und uns blieb. Die wenigen Trailläufer, die Zeugen unseres Dramas wurden, mussten wir gleich den Abhang hinabschubsen. Oder später zum Bier einladen. 😉

„(Ultra)Laufen ist nicht einfach, es ist eine Herausforderung.

Es ist die Art von Unbequemlichkeit, die uns reinwäscht.“

Scott Jurek

Ich muss nicht erwähnen, dass ich nicht wirklich böse war, als wir hörten, dass uns der finale Aufstieg erspart blieb, da die Strecke um etwa 5 Kilometer aufgrund des schlechten Wetters gekürzt werden musste. Die Sicherheit der Läufer ging vor, und diese war aufgrund der winterähnlichen Verhältnisse heute nicht gegeben. Egal! Ich habe soeben meine Ultramarathon-Dämonen besiegt und wollte hinab! Ins Ziel rauschen und feiern, was das Zeug hielt!

 Je leichter der Weg,
desto fauler das Kind.
Die trutzigsten Stämme
Gedeihen am Wind.“

shoes

Die folgenden sechs Kilometer war höchste Konzentration nötig. Der Downhill war durch die Regenmassen unglaublich schwierig geworden. Die Steine waren rutschig, der Schlamm dazwischen ein Garant für Stürze. Immer wieder sah ich Läufer mit schlammigen Hintern, die sich wohl hingelegt hatten. Viele waren sogar von oben bis unten nass. Doch wir konnten sturzfrei ins Tal laufen, sahen endlich die Salomonbändchen, die uns nach Grainau zum Ziel führten. Musikpavillon, wir kommen!

Z18

Unser erleichtertes Lachen im Ziel war so echt, wie es nur sein kann. Wir wussten, dass wir nicht nur den Supertrail unter miesen Wetterbedingungen gefinisht , sondern gleichzeitig uns selbst irgendwo vor dem letzten Gipfel besiegt hatten. Ein Schwarm von Emotionen überspülte mich: Stolz, Erleichterung, Dankbarkeit. Meine Augen sprühten vor Glück, wo sie noch vor wenigen Stunden mit einem Blick töten würden, wenn sie könnten.

Das muss diese Ultra-Liebe sein.

„Wer Ausdauer besitzt, ist fast schon am Ziel“

Ernst R. Hauschka

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Epilog:

Der Zugspitzultratrail ist eine perfekt organisierte Trailveranstaltung, quasi ein MUSS für Trailläufer in Deutschland. Die Organisation top, die Verpflegungsstellen grandios (was für ein Buffet!), das Team fürsorglich und professionell. Und von den Alpen brauche ich Nichts zu erzählen. Die Ausblicke auf den Trails rund um die Zugspitze rauben Euch den Atem, und das bei jedem Wetter.

So wie es aussieht, wird das Wetter auch in diesem Jahr ähnlich zum Vorjahr, was lange Gesichter zum Start, über Stunden nasse Schuhe und Füsse sowie erhöhte Rutsch- und Sturzgefahr bedeutet. Nehmt`s gelassen, Trailrunning ist kein Schönwetterlaufen. Seid achtsam , vergesst jedoch den Spass nicht, lasst es plantschen und spritzen!

Aus meinen Fehlern vom Vorjahr habe ich gelernt und kann nur raten, auch gegen den Durst zu trinken, bei Regen vergisst man diesen oftmals. Salztabletten und ein paar Notgels im Laufrucksack, eine gute Regenjacke und Go Go Goooooooooooooo!!!!

Ich denk´an Euch!

8 Kommentare zu “Der Zugspitzultratrail 2015 – Schlechtes Wetter kann uns Nichts…

  1. Danke für die Erinnerung! Das Scharnitzjoch war wirklich ein Highlight in den Minimus 😉

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  2. Tolle Story! Ultratrailfeeling pur 😃👍 Danke

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  3. Ich glaube, die Jahreszahl in deinem Titel stimmt nicht, oder?

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