Run and Ommm

running yogini

Wer setzt Deine Grenzen…?

9 Kommentare

img_1641

In keine fünf Minuten fällt der Startschuss. 828 Männer und Frauen stehen bereit für das Rennen ihres Wettkampfjahres. Ich würde weiter gehen, für Viele von ihnen ist es das Rennen ihres Lebens: 330 Kilometer und 24.000 Höhenmeter müssen in knapp einer Woche bewältigt werden. Die Schnellsten von ihnen schaffen es in drei Tagen und Nächten.

Die Tor des Geants (Die Tour um die „Riesen“ Mont Blanc, Monte Rosa, Matterhorn, Grande Murrailes, Dent d´Hérens, Grand Combin, Grand Jodasses und Gran Paradiso) ist ein Rennen, das meine Vorstellungen von einem Ultratrail sprengt.

Wie viel Kraft braucht man, um über einen so langen Zeitraum seinem Körper Alles abzuverlangen? Wie viel mentale Stärke, trotz körperlicher Erschöpfung, Müdigkeit und Schmerzen immer weiterzumachen, nicht aufzugeben, sich bis zum Ziel zu treiben? Ich weiss es nicht, ich werde es selbst wohl nie erfahren.

Als ich meiner Arbeitskollegin ein Video des Rennens zeigte, blieb sie unberührt. „Diese Typen haben einen Knall. Sowas ist doch nicht mehr normal“, sagte sie kauend und widmete sich weiter ihrer Zeitschrift.

Nun, das glaube ich nicht.

Wer sagt eigentlich, was „normal“ ist? Wer setzt die Standards, wer seine eigenen Grenzen? Jeder Mensch für sich selbst allein.

Und während eben diese Kollegin vermutlich nach den ersten Kilometern erschöpft am Wegesrand sitzenbleiben würde, treibt diese Männer und Frauen, die natürlich andere Voraussetzungen und Trainingsstandards erfüllen, dann doch auch eine Sehnsucht, die tief in ihnen lauert und ihnen eine unglaubliche Kraft schenkt, diese Herausforderung zu bewältigen:

Das Gefühl für Raum und Zeit loslassend, sich Strecke für Strecke, Gipfel um Gipfel vorkämpfend, immer nur bis zum nächsten kleinen Ziel, niemals das ganze Ausmass erfassend, weil es einem Angst machen würde.

Nächtelang Schritt um Schritt einen Berg nach dem anderen erklimmend, nur den Schein der eigenen Stirnlampe und die nächsten Meter wahrnehmend, zitternd sich den Tag ersehnend, wenn die kalten Glieder von den Sonnenstrahlen aufgeheizt werden.

Streckenweise andere Läufer begleitend, wohl wissend, dass keine Worte nötig sind um eine Einheit zu bilden, eine Verbindung zu spüren. Lediglich der gemeinsame Atemstoss und vereinzelt ein schmerzliches Stöhnen reichen als gemeinsame Sprache.

Den Sonnenaufgang Sekunde für Sekunde erahnend, nach tausenden von Sonnenaufgängen im bisherigen Leben diesen einen so Willkommen heissend, wie die lang ersehnte Geliebte, dankbar für das kostbare Licht, das nicht nur endlich den Weg erhellt, sondern auch das eigene Innere. Und einen selbst aus dem tiefsten Tal holt und neue Kraft schenkt.

An den Verpflegungspunkten hoffnungsvoll nach bekannten Gesichtern ausblickend, Jemanden der einen küsst, umarmt, sagt, dass Alles gut wird und er so stolz auf ihn ist. Und dann dankbar das zustimmende Lächeln eines Fremden aufsaugend, es wie einen kostbaren Schatz unter der Jacke mitnehmend, wenn es weiter hinaus auf die Strecke geht.

img_1631

Photocredit: Tor des Geants Official

Und dann irgendwann, am Ende dieser Woche, Tage, Stunden ankommend. Am Ziel oder an einem Punkt, an dem der Körper sagt, hier musst Du Schluss machen. Hier ist Deine Grenze heute. Vielleicht nicht morgen, aber heute. Und egal, ob diese Grenze am Ziel der 330 Kilometer in Courmayeur oder aber irgendwo dazwischen unterwegs liegt, so hat dieser Mensch eine Reise hinter sich gebracht, die ihn ganz nahe an sein Innerstes geführt hat. Zu den inneren Dämonen, Schwächen und Stärken. Er hat Schmerzen gespürt, Einsamkeit, Glück, Verzweiflung, Demut, die eigene Vergänglichkeit. Und sich dabei vorwärts bewegt, zu keinem Augenblick stehen bleibend, von Atemzug zu Atemzug, wie das Leben selbst. Kann es eine bessere Metapher zum Leben geben? Was ist hier durchgeknallt, was normal…?

Wenn Männer und Frauen eine Woche lang 250 Kilometer durch die marokkanische Sahara laufen, 450 oder gar 900 Kilometer durch die Pyrenäen, 140 Meilen durch den Amazonas Dschungel…und sich selbst dabei näher kommen, als je zuvor: Wer vermag besser zu entscheiden, wo die Grenzen des anderen liegen als sie selbst allein? Wenn Kilian Jornet beschließt, als erster Mensch ohne Hilfe von Sauerstoff den Mount Everest in Rekordzeit zu besteigen, wer hat das Recht zu entscheiden, ob dies machbar ist, ausser er selbst allein?

Ein Autor namens Pietro Trabucci schrieb einen Artikel über die „Tor Sickness“, ich würde es fast den „Extremlauf-Kater“ nennen:

Es ist ein Phänomen, fast eine Epidemie, das Läufer nach Beendigung eines solchen Rennens befällt: Die Emotionen, die der Läufer hier empfindet, lassen ihn schwer zum wahren Leben zurückzufinden. Die Normalität erscheint zunächst grau und enttäuschend nach dieser Grenzerfahrung. Kummer und Nostalgie durchdringen seine Existenz.

Der Sinn für Identität schwankt, das eigene Ego kauert wie ein eingeschüchterter Hund, wenn wir erkennen, dass wir ein Nichts sind verglichen mit der Kraft des Kosmos. Unsere selbst-zufriedene soziale, berufliche und sportliche Existenz ist ausgelöscht im Angesicht dieser Kraft.

Es wird uns klar, dass wir nur ein kleiner Fleck sind im Kreis von etwas viel Gewaltigerem, Unermesslicherem.

Der Kontakt mit dieser Großartigkeit tötet unsere aufgeblähten Egos, vernichtet den Glauben, dass wir im Zentrum unseres Universums sind. Und minimiert die Sorge, wenn es mal nicht komfortabel wird. Unsere Identität wird erneuert zu einer soliden Basis, der Basis der Herausforderung mit ihren eigenen Grenzen und Zielen.

Um diese Wahrheit zu erkennen, benötigen manche Menschen Jahre der Reflexion und Einkehr. Wer also ist hier durchgeknallt? Wer normal?img_1647

Photocredit: eastrun (live from the Tor des Geants)

Die Läufer des Tor sind jetzt unterwegs auf ihrer langen Reise. Aufhalten konnte sie von ihrem Traum sowieso niemand. Dieser Weg war so unvermeidbar wie ihr Schicksal selbst.

Alles, was wir hier machen können: Sie hier erwarten, in Empfang nehmen und zuhören, wie Sie mit glänzenden Augen von diesem Abenteuer berichten. Oder ihr vielsagendes Schweigen annehmen. Denn sie haben mehr mitgebracht als geschundene Füsse und ein Finishershirt.

9 Kommentare zu “Wer setzt Deine Grenzen…?

  1. Hallo Maty, ein grandioser und beeindruckender Bericht. Du hast die beste Metapher zum Leben exakt wiedergegeben. Bin beeindruckt. Danke.

    Gefällt mir

  2. Großartig.
    Danke für diese Worte.
    Mein Herz klopfte stärker und ich hatte Tränen in den Augen als ich sie gelesen habe

    Gefällt mir

  3. Gänsehaut!!!

    Gefällt mir

  4. Genial! Danke für diesen tollen Beitrag!

    Die Daumen sind gedrückt…Tag und Nacht!

    Gefällt mir

  5. Danke für den tollen Beitrag.

    Grenzen verschieben sich mit der Zeit. 330 oder 160 oder auch „nur“ 100 km sind für mich aktuell nicht vorstellbar ABER nach dem Zugspitz Basetrail XL dieses Jahr fange ich an nachvollziehen zu können was Läufer bewegt solche Läufe erleben zu wollen.

    Mit laufenden Grüßen Wiesel

    Gefällt mir

  6. Berührend und sehr treffend. Danke!

    Gefällt mir

  7. Nun habe ich ihn schon zwei Mal gelesen und dein Beitrag verliert auch jetzt nicht an seiner Wirkung. Ich bin gerührt. Vor allem im Hinblick, wie das letztlich gelaufen ist. Lebenslang im Reader abgespeichert!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s