Run and Om

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Kannst Du 10 Tage lang Stille aushalten? Warum *einfach* nicht so leicht ist.

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Kannst Du Dir vorstellen, 10 Tage lang zu schweigen und in dieser Stille zu verweilen? Mehr noch, diese Stille, die um Dich herum herrscht, auszuhalten und diszipliniert an Deiner Meditationspraxis arbeiten, die bisher im Alltag mehr oder weniger untergegangen ist?

Einige Jahre ist es nun her, dass ich einfach so ins kalte Wasser gesprungen bin, was meinem Wesen so eher nicht entspricht. Ohne mich vorher wirklich zu informieren, bin ich damals Hals über Kopf in ein Flugzeug gestiegen und wollte zwei Wochen lang auf einer Insel nur meditieren.

Während ich diese Zeilen hier schreibe, bin ich kurz vor dem Aufbruch in eine neue Mediationswoche, bei weitem nicht so streng und diszipliniert wie damals, und doch tauchen gerade jetzt unentwegt Bilder von diesen Tagen wie ein Flashback vor meinen Augen auf. War ich nur neugierig und mutig? Oder nur naiv? Ja und Jaaaaa! Und dennoch war es eine Erfahrung und auch ein Abenteuer, das mir im Nachhinein so viele Aha-Erlebnisse beschert hat, die ich mit Dir nun teilen möchte, sofern Du das möchtest: 

Ich sass eines Abends im Dezember mit meiner Herzensfreundin und Yogalehrerin Melanie (http://www.yogalanie.de) auf dem Teppich ihrer kleinen Mainzer Wohnung, als sie erzählte, dass sie demnächst zum wiederholten Male nach Thailand aufbrechen wollte, um an einem zehntägigen Vipassana-Meditationsretreat in einem buddhistischen Kloster teilzunehmen. In dem Augenblick dachte ich mir noch, dass das eine wundervolle Auszeit sein muss. Endlich raus aus der Starre des Alltags, sich voll und ganz der Meditation widmen und ohne Ablenkung an seiner Praxis arbeiten.

Ich will offen sein: eine romantische Vorstellung verklärte mir die Sinne, als ich vor meinem geistigen Auge eine rosafarben untergehende Sonne im Golf von Thailand sah, mich im Schneidersitz stundenlang selig sitzend, den warmen Wind um die Haare tänzelnd und schließlich um Spuren weiser und erleuchtet das Retreat beenden sah.

Soviel dazu.

Ich war also im Boot.

Lass mir Dir kurz erklären, worum es bei der Vipassana Meditation geht: Vipassana, auch „Achtsamkeitsmeditation“ genannt, ist eine der ältesten Meditationstechniken und bedeutet soviel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Diese Technik und das Wissen war über 2500 Jahre lang  in Birma von buddhistischen Mönchen in seiner ursprünglichen Form erhalten worden, während es fast überall verloren schien. Erst 1969 begann der Lehrer S.N. Goenka wieder Vipassana Kurse abzuhalten und diese Lehre zu verbreiten. Buddha erlangte durch diese Technik, die keiner bestimmten Religion zugehörig ist, und nun in 10-Tages-Kursen gelehrt wird, einst Erleuchtung.

Und so standen wir an einem Märztag mit unseren Rucksäcken vor dem Kloster des Wat Koh Tham mitten auf einem Berg, umgeben von dschungelähnlicher Fauna, und waren bereit, diesen Kurs durchzuziehen.

Es gibt einige Regeln , die strikt während der 10 Tage eingehalten werden müssen:

  • kein lebendiges Wesen töten (vegetarische/vegane Nahrung), nicht stehlen, keine sexuelle Aktivität (überhaupt wurden Frauen und Männer strikt getrennt), nicht lügen, keine Rauschmittel
  • die ganze Zeit über schweigen und auch kein Blickkontakt mit den anderen Teilnehmern halten („Noble Stille“)
  • keine Telefone, Bücher, Notizen, Nichts also, was den Geist ablenken könnte

Da ich also kein Telefon hatte, sind die nun folgenden Bilder das einzige Material, das ich zur Verfügung habe. Ganz altmodisch wurden die Fotos analog geknipst, die ich mir später auch noch abfotografiert habe. Das erklärt die Qualität.

Nach einem kurzen persönlichen Gespräch mit Steve und Rosemarie Weissman, die das Retreat leiten würden und ich still darauf hingewiesen wurde, dass mein Surfshirt, welches einen kleinen Bauchblitzer erlaubte, wenn ich die Arme nach oben streckte, wurde jeder in seine, wie wir liebevoll sagten, „Zelle“ verwiesen. Ich schmiss meinen Rucksack in die Ecke des kleinen Raums einer modernen Hütte, verstaute das verbotene Shirt, holte die alte Karatehose und die XL-Shirts heraus und machte schließlich mein „Bett“: Ein Holzbrett ohne Matratze, auf das ich meine Yogamatte ausrollte und das Moskitonetz sorgfältig unter die Matte klemmte. Eine Sache machte mir nämlich doch Höllenangst: all die riesigen Insekten, die aus dem Dschungel krochen und Bekanntschaft mit uns machen wollten. Diese sollten ausserhalb meines Netzes bleiben. Und da freundlichst gebeten wurde, nachts die Toilettentür aufzulassen, falls eine Schlange sich dorthin verirrt haben sollte, damit diese wieder hinausfand, stand für mich fest: Nach 18 Uhr wird Nichts mehr getrunken!

Lustiger Weise war dies das letzte Mal, dass ich an die harte Schlafunterlage denken und meine Schlafqualität anzweifeln sollte. Ich schlief die zehn Tage lang tief und fest und erschöpft vom Tagesgeschehen.

Wir erhielten unseren Tagesablauf und obwohl ich diesen in etwa schon kannte, dachte ich mir zum ersten Mal: Oha!

Aber genauso wie an der Startlinie eines Marathons, Ultralaufs oder einer anderen Herausforderung dachte ich: Ja, das sieht nach Leiden aus, doch auch: Ja! Ich bin bereit.

Wir begannen unseren Tag also im Dunkeln mit dem Wecken durch die Klosterglocke und nach einem kurzen Waschen stolperten wir müde in die Meditationshalle. Wie sehr wünschte ich mir in den Tagen eine Stirnlampe herbei, das Kloster war stromlos und meine Taschenlampe versagte früh. Sanft weckten uns die Geckos mit ihren Lauten, während irgendwann die Sonne in die Meditationshalle schien und wir noch immer saßen.


Was die Tage nun füllte, war abwechselndes Meditieren im Sitzen, Stehen oder langsamen Gehen. Einfach, aber nicht leicht. Die ersten drei Tage praktizierten wir ausschließlich das sogenannte „Samba Samadhi“, in dem man sich ausschließlich auf den Atem konzentriert, diesen beobachtet und wahrnimmt und so mit der Zeit lernt, den Geist auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Was sich rückblickend so einfach herunterschreibt, war das Schwerste für mich. Es sollte und wollte mir kaum gelingen, auch nur wenige Minuten fokussiert zu bleiben. Manchmal merkte ich erst Minuten später, dass ich an das Mittagessen oder die perfekt sitzenden Mitanwesenden dachte, bevor ich meinen Geist seufzend zurückholte und wieder dem Atem nachging. Ich gebe zu: In den ersten Tagen blinzelte ich, wenn es besonders schwer war, durch einen kleinen Augenschlitz und nahm verzweifelt wahr, wie bewegungslos und stockgerade die Anderen meditierten. Ich fühlte mich wie ein schwerer Kloß, mir tat Alles weh und ich hörte nur meinen Geist schreien, dass Du das nie, niemals zehn Tage aushalten würdest. Ständig sprangen Erinnerungen in meinem Kopf herum, die ich längst vergessen oder verdrängt hatte. Sehnsuchtsvoll wartete ich auf den abendlichen Vortrag, der mir etwas geistigen Input bescheren sollte, denn mein eigener war einfach nur Bullshit. Als es abends dazu kam, nickte ich schließlich immer wieder ein vor Müdigkeit. Es war ein Dilemma. Heute weiss ich, dass dies ein völlig natürlicher Prozess ist, da der Geist sich anfangs vor so viel „Ruhe“ wehrt.

Am Ende des dritten Tages hatten wir eine kurze Visite bei Steve oder Rosemarie und durften eine Frage stellen, wenn wir denn eine hätten; das einzige Mal übrigens, wo wir sprechen durften. Ich trat in Rosemaries Zimmer ein, setzte mich und aus meinem Mund kam nur ein leises : „Sorry – I. CAN´T. MEDITATE.“ Rosemaries Gesicht blieb regungslos. Heute frage ich mich, wie oft sie diese Worte bereits gehört hatte. Sie riet mir, mich von außen zu betrachten wie eine Mutter und mir selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen, nicht so streng mit mir zu sein und mir mehr zuzutrauen. Das Ergebnis davon war, dass ich draussen erstmal in einen Busch weinte, und zwar laut und mit Rotz und Wasser. Danach ging es mir besser und ich ging wieder zu der Gruppe zur Gehmeditation.

An diesem Abend wurden wir in die Metta-Meditation eingeführt, in die Liebende Güte und Mitgefühl-Meditation. Hier lernten wir, Mitgefühl uns selbst, unseren Mitmenschen, aber auch denen, entgegenzubringen, die es aus unserem Impuls heraus gar nicht verdienen. Und ebenso, deren Schmerz und Leid mitfühlend zu begegnen. Diese innere Bewegung weg von Streben nach Äußerlichkeiten, hin zu zentralen Herzenswünschen bringt Struktur in das eigene Dasein. Normalerweise ist liebevolle Zuwendung meistens an Bedingungen geknüpft. Nach der buddhistischen Vorstellung erzeugen solche Erwartungen Leid. Metta hingegen stellt keine Bedingungen und ist das bedingungslose Akzeptieren dessen, was ist.

Nach dem imposantem Finale meines Versagensgefühls am dritten Tag stellte sich dann schließlich eine erstaunliche Ruhe in mir ein, und allmählich lernte ich, auf Alles gelassener und gleichmütiger zu reagieren. Zu meiner täglichen Arbeitsmeditation zählte das Fegen des Klostergartens. Ich ärgerte mich nun nicht mehr, dass der Wind ständig neue Blätter auf den Boden wehte und ich von vorne beginnen musste. Heute weiss ich, das war der Plan, und nicht umsonst fegten wir GENAU dort, wo der Baum stand.

Ich ärgerte mich nicht mehr über meine schmerzenden Knie während des Sitzens, sondern akzeptierte den Schmerz. Ich hörte schlicht damit auf, anzukämpfen. Das nahm mir wiederum viel Druck und Schmerz und letztendlich lernte ich, dass Leiden nur eine Option war. Nichts bleibt, Alles vergeht. Lass also los, Maty!

Bei einem Vipassana Retreat geht es darum, diese einfache Wahrheit im tiefen Inneren zu verstehen, indem wir sie am eigenen Körper erfahren. Dieses Wissen soll in jede Zelle unseres Körpers sickern und dadurch unser Verhalten nachhaltig verändern. Nur wenn wir begreifen, dass Nichts von Dauer ist, können wir loslassen.

Natürlich werde ich die vielen verrückten Momente im Laufe dieser Tage niemals vergessen (und eingeschworene Hardcore-Fans dieses Retreats lesen jetzt drüber):

Wie zum Beispiel, als am zweiten Tag meine Hüttennachbarin beim Zähneputzen gegen meinen kleinen auf dem Boden stehenden Korb mit Zahnbürste, Pasta, und Co. getreten hat und Alles im hohen Bogen den Hügel hinuntergeflogen und im Gebüsch gelandet ist. Wir schauten uns schockiert an und sie entschied ohne nachzudenken, kühn und barfuß hinunterzuklettern, um das meiste meiner Utensilien zu retten. Und das, obwohl wir eindinglich vor Schlangen und Skorpionen gewarnt wurden. Meine Dankbarkeit wird ihrer ewig sein. Nur mein Zungenschaber hängt wohl bis heute irgendwo an einem Ast unterhalb des Klosters.

Oder als ich nachts aufwachte, weil meine Blase mich plagte und ich etwas Schwarzes auf meinem Moskitonetz sah. Ich schaltete die kleine Taschenlampe ein und leuchtete direkt in die Augen einer fetten behaarten (ganz sicher) Handtellergroßen Spinne, die es sich INNERhalb meines Moskitonetzes gemütlich gemacht hat. Ich riß meine Nachbarin aus dem Schlaf und zeigte ihr schweigend meine Bettgenossin. Gemeinsam mit Lampe und Besen bewaffnet, bugsierten wir sie lebend hinaus.

Oder schließlich als Nadine, eine heute inzwischen liebe Freundin und damals mit mir zusammen Meditationsneuling, ein Magenvirus erwischte. Obwohl wir im meterweitem Abstand in der Meditationshalle sassen, sah und spürte ich ihr Unbehagen und Leid und schob ihr kurzerhand etwas Medizin unter dem Türschlitz hindurch.

Manche Situationen in besonders verzwickten Umständen erfordern nunmal (weibliche) Kommunikation, Vipassana hin oder her.

Und um gleich wieder ernster zu werden:

Du brauchst sicherlich keine zehn Tage Rückzug in Schweigen und disziplinierter Einkehr, um tiefe Erkenntnisse über das Leben und sich selbst zu gewinnen, brauchst sicher nicht diese Hardcore-Variante, um das Gesetz von Annica zu erfahren, nämlich, dass Alles entsteht, sich verändert und wieder geht. Wir Schüler jedoch waren am zehnten Tag so voller Dankbarkeit und gleichzeitiger Demut nach dieser Reise, dass ich Dir gerne in drei Worten vermitteln würde, was bei mir bis heute hängengeblieben ist und sich ganz tief verankert hat:

Gleichmut, Gelassenheit, Mitgefühl.

 Lass los, denn Alles ist vergänglich.

Verabschiedung von der „Head-Nun“

unsere „Klasse“ am Abschlusstag

 

„Das Leben ist zu kostbar und zu kurz, um es mit Sorgen und Geschehnisse zu verschwenden, die möglicherweise niemals eintreffen werden.“ -Steve & Rosemarie Weissman

5 Kommentare zu “Kannst Du 10 Tage lang Stille aushalten? Warum *einfach* nicht so leicht ist.

  1. Ganz wichtig ist auch, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Aber das fällt uns schwer in unserer statusbestimmten Gesellschaft.

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  2. Auch in deinem Text wird das deutlich: „die perfekt sitzenden Mitanwesenden“, „nahm verzweifelt wahr, wie bewegungslos und stockgerade die Anderen meditierten“. Geht mir manchmal in anderen Zusammenhängen auch noch so. 😉

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