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Der Sigrid-Eichner-Marathon oder: Run with Your Heart

Es ist Samstag Morgen, der 13. August. Der Tag des 5.Berliner Mauerweglaufs, eines Laufs von 100 Meilen gegen das Vergessen der Berliner Mauer. Einhundert Meilen, die hunderte von Ultraläufern auf sich nehmen und bis in den nächsten Morgen hinein zu Ende laufen werden. Und soeben, bei Kilometer 20, passierte uns in leichten kurzen Schritten eine ältere Dame. Klein, schlank, zerbrechlich, und doch voller Kraft und Zielstrebigkeit. Und wer läuft und sich für das Laufen in Deutschland interessiert, weiss sofort: Das ist Sigrid Eichner.

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Am 08.Juli, also vor etwa 4 Wochen, ist diese Dame im Alter von 75 Jahren ihren 2000. (nein, ich habe keine Null zuviel getippt) gelaufen. Viele von Euch werden es bereits auf Facebook oder anderen Kanälen gelesen haben, wer jedoch nicht, muss sich diese Zahl einmal auf der Zunge zergehen lassen: ZWEITAUSEND Mal die Distanz von 42,195 Kilometern oder länger am Stück. Sie hat sich somit einen Rekord „erlaufen“, denn niemand zuvor hat bisher so oft einen Marathon gefinisht.

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Ich verfolge das Läuferleben dieser Dame eine ganze Weile, weil mich dieser Esprit und Wille, seit Jahren so viele Wettkämpfe zu laufen, einfach fasziniert.

Die in Thüringen geborene 75-jährige begeisterte sich schon als Kind für den Sport, besuchte in Nordhausen ein Sportinternat und trainierte dort Gymnastik. Doch erst als sie 1976 nach Berlin zog und ihr Leben als Hausfrau und dreifache Mutter in dieser lauten, für sie ungewohnten Stadt nach einem Ausgleich rief, entdeckte sie das Laufen für sich. Hier konnte sie sich erholen, abschalten, Kraft tanken. Ein paar Jahre später, genau am 17.Mai 1980 stand sie bei ihrem ersten Wettkampf an der Startlinie. Es war der 45-Kilometer-lange Rennsteiglauf, wo schließlich Alles begann. Das Laufvirus hat sie infiziert und fortan startete Sigrid an jedem Wochenende bei irgendeinem Rennen. Keine 30 Jahre später hatte sie bereits 1500 Läufe auf ihrer Liste!

Auf all den Bildern, die ich von ihr sah, hatte diese Dame ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht und ihr kleines, schmales Figürchen strotzte vor Stärke. Keine Frage, ich wollte Sigrid gerne kennenlernen!

Als im Frühling die Möglichkeit ins Haus flatterte, am Sigrid-Eichner-Marathon, einer kleinen Laufveranstaltung in Berlin von und für Sigrid,  teilzunehmen, sagten ich natürlich sofort begeistert zu. Da dieser Marathon noch Teil der Kampagne“Team Tibet“ war und somit ein weiteres Herzensprojekt von mir angesprochen wurde, wollte ich unbedingt Teil dieser Gruppe sein, die im Zeichen ihrer Solidarität mit den Tibetern durch Berlin laufen würde.

Im Vorfeld zu diesem Marathon gab es in der Vorbereitungsphase noch eine nette Anekdote, die ausgezeichnet zu dem Bild von Sigrid passte, das ich bereits vor dem Kennenlernen von ihr hatte:

Es sollte ein heisser Tag werden, der bis dato heisseste Tag des Jahres. Und da uns weit über 30 Grad erwarten sollten, wurde heiss diskutiert, ob man den Start vorverlegen oder gar verschieben sollte: Manche wollten lieber in den sehr frühen Morgenstunden starten, einige überhaupt nicht, wieder andere gaben Tips zu Kühlung und Sonnenschutz. Bis am Ende Sigrids Nachricht ins Netz flatterte:

„Liebe Mitläufer, was für eine Vorbereitung und was für eine lebhafte Diskussion…

…Wir laufen in Berlin und nicht im Dschungel – Hilfe, Tiger, die einem was antun könnten…

…Noch viel wärmer ist es im Death Valley!

… Ich freue mich jedenfalls auf Euch und auf die Herausforderung unterwegs.

Bis morgen. Der Sturmvogel “

Was soll ich sagen? Ich war verliebt in diesen Sturmvogel. Ziemlich abgebrüht und tapfer, aber so muss man wohl auch sein nach all den Jahren Ultralaufens.

Somit wurden die leichtesten Laufsachen herausgelegt und der Wecker auf ganz früh morgens gestellt. Es sollte losgehen!

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Und so fanden sich am nächsten Morgen 13 strahlende und gut gelaunte Läufer im Schlosspark Pankow wieder, um gemeinsam auf die Strecke zu gehen.

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Sigrid sprach noch einige verschlafene, liebe Worte zu Allen, motivierte uns, durchzuhalten- und los ging es! Anke Czerwonka, die Organisatorin und gute Seele des Laufs, gab das Startsignal.

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Es sollte vom Schlosspark Niederschönhausen durch den Norden Pankows auf dem Pankeweg, einem hübschen Radweg, nach Bernau gehen und später wieder zurück.

Das Führungsrad Damen wechselte zwischen den drei ersten Damen hin und her und hielt Schwätzchen mit uns, was uns die ersten Kilometer sehr erheiterte. Schließlich liess ich jedoch abreissen, da ich die schwere heisse Luft schon jetzt spürte. Für Ulf sollte es ein langsamer entspannter LongJog werden auf seinem Weg zum Tor des Giants, und so war ich froh, dass ich mein gemütliches Tempo einschlagen durfte und er mich dennoch begleiteten würde. Jemanden an seiner Seite zu wissen, der sowohl Orientierungssinn als auch Humor hat, wenn es unwegsam oder ungemütlich werden sollte, ist unbezahlbar. Und wenn es der eigene Partner ist, herzallerliebst.

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Der 10Km- und später auch 30km-Verpfelegungspunkt war ungewöhnlich und genial: Ein Kiosk direkt am S-Bahnhof hielt einen Eimer kalten Wassers für uns bereit zum Abkühlen und wir durften uns einfach aus der Kiosk-Kühltheke bedienen. Die Dame machte eine Strichliste und rechnete so ab. Sehr sympathisch.

(Und nein, das ist keine schlechte Belichtung auf dem Bild, mein Gesicht war so rot, wir fühlten uns während des Laufs wie Hähnchen im Backofen )

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Der nächste VP schlug den sogar noch: Eine Eisdiele! ❤ Wir liessen es uns natürlich nicht nehmen und nahmen das Angebot an: Softeis zum Abkühlen.

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Bei der Halbmarathonmarke dann die Wende. Wir setzten uns zu Dio, Martin und den anderen Läufern in den Schatten und genossen die Halbzeit. Was für eine Hitzeschlacht!FullSizeRender-25

Irgendwann liefen wir dann auch Sigrid entgegen, die konsequent ihr eigenes Tempo lief. Ich gab ihr ein wenig von meinem Wasser, da sie auf jede Handflask verzichtet hatte; und auch meine Salztabletten nahm sie dankbar an. Die Hitze wurde eine große Herausforderung und ich behaupte heute, dass die Strecke unser kleines Death Valley war. So.

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Wir feuerten Sigrid an und liefen unsere Runde nach Hause, nicht ohne unterwegs wieder an der Softeis-VP Halt zu machen. Unsere Mitläufer und einige Helfer sassen im Ziel und feuerten jeden Finisher lautstark an, es war nicht weniger emotional als bei einem großen Finish, denn hier kam Alles vom Herzen, Gänsehaut pur.

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Wir erhielten unsere Pokale, erfrischten uns im Gewitterregen, den wir Alle dankbar Willkommen hiessen und warteten auf Sigrid, die schließlich nach 6 Stunden und 46 Minuten ins Ziel hüpfte.

Sie ging zunächst zielstrebig zur Parkbank, setzte sich hin und trank ruhig ein paar Schlücke Wasser. Dann verabredete sie sich mit einem Bekannten zum morgigen 10-Kilometer-Lauf im Grunewald.

Diese Frau ist unglaublich. Was für ein Energiebündel. Inspirierend und motivierend.

 

 

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Was ausser der herzallerliebsten Pokale nahmen wir von diesem Tag mit?

Eine Menge Emotionen.

Dass kleine, mit Liebe organisierte Läufe große Marathons um Längen schlagen.

Dass man auch bei widrigen Umständen über sich hinauswachsen kann. Extreme Hitze oder Kälte lassen sich aushalten, wenn man sich darauf einlässt und schnelle Zielzeiten hinten anstellt.

Und vor Allem: Dass man in jedem, JEDEM Alter seine Träume erfüllen kann. Dass das Erreichen des Rentenalters nicht heisst, dass man sich nun zur Ruhe setzen und die Enten am See füttern muss.  Sigrids Leidenschaft ist das Laufen, und so läuft sie immer weiter und setzt sich ihre Grenzen selbst. Weil sie es kann.

Wenn ich ein wenig ihres Elans mitnehmen durfte, dann sehe ich mich auch in 30 Jahren den Himalaya hinaufrennen und dort Kopfstand üben. Weil ich es kann.

 

 

 

Die Tibet-Initiative Deutschland e.V. wurde 1989 gemeinsam von deutschen Aktivisten und Tibetern anlässlich der schweren Unruhen in Tibet und derer gewaltsamer Niederschlagung gegründet. Sie tritt ein für das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter und die Einhaltung der Menschenrechte in Tibet, informiert, bewegt, verändert durch Vorträge, Diskussionen und andere Veranstaltungen.

Wer sich mit der politischen Problematik Tibets ein wenig beschäftigt, wird vielleicht verstehen, warum das auch für mich ein Herzensprojekt ist: Bis zum heutigen Zeitpunkt erkennt die chinesische Regierung den Unabhängigkeitsanspruch Tibets nicht an. China hat es sich als Ziel gesetzt, die tibetische Religion mit allen Mitteln zu unterdrücken. Tagtäglich finden grausame, menschenrechtsverletzende Festnahmen statt, indem oftmals Mönche und Nonnen, die eine andere Weltanschauung vertreten als die Chinesen, brutal verhört und verhaftet werden. Über eine Million Tibeter fanden bis heute aufgrund der unermesslichen Zerstörungswut der Chinesen den Tod.

Die Tibet-Initiative gibt Tibet eine starke Stimme. Jede kleine Unterstützung ist Willkommen.

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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Enlight1Neulich abends sortierte ich mal wieder Bilder aus und entrümpelte meinen überquellenden Foto- und Erinnerungsordner, da er sich so langsam nicht mehr schließen ließ. Ich neige dazu, alle Kleinigkeiten und Schnipsel, die mich an Wettkämpfe, Läufe und Reisen erinnern, aufzuheben, bis es eben nicht mehr geht und der Papiercontainer ruft.

Bis mir das Foto von meinem ersten Marathon in die Hände fiel. Und auch das Zielfoto des allerersten Halben sowie meines ersten Ultralaufs. Diese Erinnerungen sind so kostbar und wichtig, einmalig und motivierend, dass ich sie immer aufheben werde. Und ich kenne kaum Personen, die keine ach, so teuer erstandenen Bilder ihres ersten großen Wettkampfs in der Schublade haben. Weiterlesen


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Der Tokyo Marathon oder Ganbatte kudasai!

Wer mich kennt, weiss, wie sehr ich Japan liebe. Mit neunzehn Jahren japanische Vokabeln gebüffelt, zig Male das Land bereist, Toshiro Mifunes Filme aufgesogen und mir die Nase so lange an einem Kimonoladen in Osaka plattgedrückt, bis ich schließlich mein eigenes antikes Original besaß.

Da war es klar, daß der Tokyo Marathon schon lange auf meiner Bucket List stand, und ich versuchte ganze drei Jahre lang, durch die Lotterie zu rutschen. Erst 2014 bekam ich die tolle Nachricht, dass es geklappt hat, und damit wurde der 22.Februar 2015 im Kalender eingekreist. Weiterlesen


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Startnummer 261 – ein Symbol für Mut und Furchtlosigkeit

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Ich gestehe – reine Frauenläufe waren mir bis vor kurzem ein wenig suspekt: Viel Pink und Lipgloss, auf den Shirts ein grosses „Powerfrau“ und Hand in Hand im Marschschritt durch das Ziel. Wirklich meins war es nicht, doch die Intention dahinter gefiel mir: Frauen, die sonst Lauf-Veranstaltungen mieden,  sei es aus Scheu vor den starken und wettkampforientierten Männern, sei es aus Mangel an Selbstbewusstsein, oder einfach aus Lust an einer reinen Spass-Veranstaltung, schnürten hier ihre Schuhe und liefen los. Wenn ich meine Nachbarin jedes Jahr beobachte, wie sie von ihren Freundinnen freudestrahlend abgeholt wird, ihren Kittel (rein symbolisch natürlich 😉 !) in die Ecke wirft und mit ihnen zum Frauenlauf loszieht  (einheitlich angezogen, meist in Lila, herzallerliebst), muss ich schmunzeln und wünsche den Ladies einen Nachmittag voller Gaudi!

Dann aber habe ich Anfang des Jahres Edith aka Running Zuschi kennengelernt und diese tolle und übrigens blitzschnelle Frau schnell in mein Herz geschlossen. Sie hat in Österreich einen Frauen- und Mädchen-Lauftreff ins Leben gerufen und machte mich auf eine neuen Frauenlauf aufmerksam, den 261 Women´s Marathon & 10K   in Mallorca. Ich fing sofort Feuer: Weiterlesen


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Berlin Marathon Melancholia

medailleGanze zwei Wochen brauchte ich nun, um den Berlin Marathon gedanklich durchzukauen und zu verdauen. Erst ein neues Rennen, der gestrige Asics Grand Zehn, brachte mich nun dazu, damit endlich abzuschließen. Irgendwie konnte ich diesen Marathon nicht so recht einordnen: Zielzeit total verfehlt, also *Fail*? Durchgebissen und nicht aufgegeben, also *teamnevergiveup*? Oder einfach nur viel, viel *FUN* gehabt, also das, worauf es letztlich ankommt? Keine Ahnung… Weiterlesen


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Cook & Run *so absolutely* Happy mit Scott Jurek

Als die Einladung von Brooks Running zu einem veganen Pre-Marathon-Dinner in meinem Postfach landete, zögerte ich keine Sekunde, auch wenn ich mich normalerweise zwölf Stunden vor einem Marathon-Lauf eher im Pyjama mit Nudelschüssel im Schoss und Beinen auf der Couch sah. Als ich dann auch noch erfuhr, daß die Lauflegende Scott Jurek zu Gast war und mit uns kochen würde, war die Vorfreude perfekt. Dann würde das Carboloading eben etwas später in den Abend fallen. Weiterlesen