Der Sigrid-Eichner-Marathon oder: Run with Your Heart

Es ist Samstag Morgen, der 13. August. Der Tag des 5.Berliner Mauerweglaufs, eines Laufs von 100 Meilen gegen das Vergessen der Berliner Mauer. Einhundert Meilen, die hunderte von Ultraläufern auf sich nehmen und bis in den nächsten Morgen hinein zu Ende laufen werden. Und soeben, bei Kilometer 20, passierte uns in leichten kurzen Schritten eine ältere Dame. Klein, schlank, zerbrechlich, und doch voller Kraft und Zielstrebigkeit. Und wer läuft und sich für das Laufen in Deutschland interessiert, weiss sofort: Das ist Sigrid Eichner.

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Am 08.Juli, also vor etwa 4 Wochen, ist diese Dame im Alter von 75 Jahren ihren 2000. (nein, ich habe keine Null zuviel getippt) gelaufen. Viele von Euch werden es bereits auf Facebook oder anderen Kanälen gelesen haben, wer jedoch nicht, muss sich diese Zahl einmal auf der Zunge zergehen lassen: ZWEITAUSEND Mal die Distanz von 42,195 Kilometern oder länger am Stück. Sie hat sich somit einen Rekord „erlaufen“, denn niemand zuvor hat bisher so oft einen Marathon gefinisht.

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Ich verfolge das Läuferleben dieser Dame eine ganze Weile, weil mich dieser Esprit und Wille, seit Jahren so viele Wettkämpfe zu laufen, einfach fasziniert.

Die in Thüringen geborene 75-jährige begeisterte sich schon als Kind für den Sport, besuchte in Nordhausen ein Sportinternat und trainierte dort Gymnastik. Doch erst als sie 1976 nach Berlin zog und ihr Leben als Hausfrau und dreifache Mutter in dieser lauten, für sie ungewohnten Stadt nach einem Ausgleich rief, entdeckte sie das Laufen für sich. Hier konnte sie sich erholen, abschalten, Kraft tanken. Ein paar Jahre später, genau am 17.Mai 1980 stand sie bei ihrem ersten Wettkampf an der Startlinie. Es war der 45-Kilometer-lange Rennsteiglauf, wo schließlich Alles begann. Das Laufvirus hat sie infiziert und fortan startete Sigrid an jedem Wochenende bei irgendeinem Rennen. Keine 30 Jahre später hatte sie bereits 1500 Läufe auf ihrer Liste!

Auf all den Bildern, die ich von ihr sah, hatte diese Dame ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht und ihr kleines, schmales Figürchen strotzte vor Stärke. Keine Frage, ich wollte Sigrid gerne kennenlernen!

Als im Frühling die Möglichkeit ins Haus flatterte, am Sigrid-Eichner-Marathon, einer kleinen Laufveranstaltung in Berlin von und für Sigrid,  teilzunehmen, sagten ich natürlich sofort begeistert zu. Da dieser Marathon noch Teil der Kampagne“Team Tibet“ war und somit ein weiteres Herzensprojekt von mir angesprochen wurde, wollte ich unbedingt Teil dieser Gruppe sein, die im Zeichen ihrer Solidarität mit den Tibetern durch Berlin laufen würde.

Im Vorfeld zu diesem Marathon gab es in der Vorbereitungsphase noch eine nette Anekdote, die ausgezeichnet zu dem Bild von Sigrid passte, das ich bereits vor dem Kennenlernen von ihr hatte:

Es sollte ein heisser Tag werden, der bis dato heisseste Tag des Jahres. Und da uns weit über 30 Grad erwarten sollten, wurde heiss diskutiert, ob man den Start vorverlegen oder gar verschieben sollte: Manche wollten lieber in den sehr frühen Morgenstunden starten, einige überhaupt nicht, wieder andere gaben Tips zu Kühlung und Sonnenschutz. Bis am Ende Sigrids Nachricht ins Netz flatterte:

„Liebe Mitläufer, was für eine Vorbereitung und was für eine lebhafte Diskussion…

…Wir laufen in Berlin und nicht im Dschungel – Hilfe, Tiger, die einem was antun könnten…

…Noch viel wärmer ist es im Death Valley!

… Ich freue mich jedenfalls auf Euch und auf die Herausforderung unterwegs.

Bis morgen. Der Sturmvogel “

Was soll ich sagen? Ich war verliebt in diesen Sturmvogel. Ziemlich abgebrüht und tapfer, aber so muss man wohl auch sein nach all den Jahren Ultralaufens.

Somit wurden die leichtesten Laufsachen herausgelegt und der Wecker auf ganz früh morgens gestellt. Es sollte losgehen!

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Und so fanden sich am nächsten Morgen 13 strahlende und gut gelaunte Läufer im Schlosspark Pankow wieder, um gemeinsam auf die Strecke zu gehen.

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Sigrid sprach noch einige verschlafene, liebe Worte zu Allen, motivierte uns, durchzuhalten- und los ging es! Anke Czerwonka, die Organisatorin und gute Seele des Laufs, gab das Startsignal.

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Es sollte vom Schlosspark Niederschönhausen durch den Norden Pankows auf dem Pankeweg, einem hübschen Radweg, nach Bernau gehen und später wieder zurück.

Das Führungsrad Damen wechselte zwischen den drei ersten Damen hin und her und hielt Schwätzchen mit uns, was uns die ersten Kilometer sehr erheiterte. Schließlich liess ich jedoch abreissen, da ich die schwere heisse Luft schon jetzt spürte. Für Ulf sollte es ein langsamer entspannter LongJog werden auf seinem Weg zum Tor des Giants, und so war ich froh, dass ich mein gemütliches Tempo einschlagen durfte und er mich dennoch begleiteten würde. Jemanden an seiner Seite zu wissen, der sowohl Orientierungssinn als auch Humor hat, wenn es unwegsam oder ungemütlich werden sollte, ist unbezahlbar. Und wenn es der eigene Partner ist, herzallerliebst.

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Der 10Km- und später auch 30km-Verpfelegungspunkt war ungewöhnlich und genial: Ein Kiosk direkt am S-Bahnhof hielt einen Eimer kalten Wassers für uns bereit zum Abkühlen und wir durften uns einfach aus der Kiosk-Kühltheke bedienen. Die Dame machte eine Strichliste und rechnete so ab. Sehr sympathisch.

(Und nein, das ist keine schlechte Belichtung auf dem Bild, mein Gesicht war so rot, wir fühlten uns während des Laufs wie Hähnchen im Backofen )

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Der nächste VP schlug den sogar noch: Eine Eisdiele!❤ Wir liessen es uns natürlich nicht nehmen und nahmen das Angebot an: Softeis zum Abkühlen.

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Bei der Halbmarathonmarke dann die Wende. Wir setzten uns zu Dio, Martin und den anderen Läufern in den Schatten und genossen die Halbzeit. Was für eine Hitzeschlacht!FullSizeRender-25

Irgendwann liefen wir dann auch Sigrid entgegen, die konsequent ihr eigenes Tempo lief. Ich gab ihr ein wenig von meinem Wasser, da sie auf jede Handflask verzichtet hatte; und auch meine Salztabletten nahm sie dankbar an. Die Hitze wurde eine große Herausforderung und ich behaupte heute, dass die Strecke unser kleines Death Valley war. So.

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Wir feuerten Sigrid an und liefen unsere Runde nach Hause, nicht ohne unterwegs wieder an der Softeis-VP Halt zu machen. Unsere Mitläufer und einige Helfer sassen im Ziel und feuerten jeden Finisher lautstark an, es war nicht weniger emotional als bei einem großen Finish, denn hier kam Alles vom Herzen, Gänsehaut pur.

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Wir erhielten unsere Pokale, erfrischten uns im Gewitterregen, den wir Alle dankbar Willkommen hiessen und warteten auf Sigrid, die schließlich nach 6 Stunden und 46 Minuten ins Ziel hüpfte.

Sie ging zunächst zielstrebig zur Parkbank, setzte sich hin und trank ruhig ein paar Schlücke Wasser. Dann verabredete sie sich mit einem Bekannten zum morgigen 10-Kilometer-Lauf im Grunewald.

Diese Frau ist unglaublich. Was für ein Energiebündel. Inspirierend und motivierend.

 

 

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Was ausser der herzallerliebsten Pokale nahmen wir von diesem Tag mit?

Eine Menge Emotionen.

Dass kleine, mit Liebe organisierte Läufe große Marathons um Längen schlagen.

Dass man auch bei widrigen Umständen über sich hinauswachsen kann. Extreme Hitze oder Kälte lassen sich aushalten, wenn man sich darauf einlässt und schnelle Zielzeiten hinten anstellt.

Und vor Allem: Dass man in jedem, JEDEM Alter seine Träume erfüllen kann. Dass das Erreichen des Rentenalters nicht heisst, dass man sich nun zur Ruhe setzen und die Enten am See füttern muss.  Sigrids Leidenschaft ist das Laufen, und so läuft sie immer weiter und setzt sich ihre Grenzen selbst. Weil sie es kann.

Wenn ich ein wenig ihres Elans mitnehmen durfte, dann sehe ich mich auch in 30 Jahren den Himalaya hinaufrennen und dort Kopfstand üben. Weil ich es kann.

 

 

 

Die Tibet-Initiative Deutschland e.V. wurde 1989 gemeinsam von deutschen Aktivisten und Tibetern anlässlich der schweren Unruhen in Tibet und derer gewaltsamer Niederschlagung gegründet. Sie tritt ein für das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter und die Einhaltung der Menschenrechte in Tibet, informiert, bewegt, verändert durch Vorträge, Diskussionen und andere Veranstaltungen.

Wer sich mit der politischen Problematik Tibets ein wenig beschäftigt, wird vielleicht verstehen, warum das auch für mich ein Herzensprojekt ist: Bis zum heutigen Zeitpunkt erkennt die chinesische Regierung den Unabhängigkeitsanspruch Tibets nicht an. China hat es sich als Ziel gesetzt, die tibetische Religion mit allen Mitteln zu unterdrücken. Tagtäglich finden grausame, menschenrechtsverletzende Festnahmen statt, indem oftmals Mönche und Nonnen, die eine andere Weltanschauung vertreten als die Chinesen, brutal verhört und verhaftet werden. Über eine Million Tibeter fanden bis heute aufgrund der unermesslichen Zerstörungswut der Chinesen den Tod.

Die Tibet-Initiative gibt Tibet eine starke Stimme. Jede kleine Unterstützung ist Willkommen.

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Der Zugspitzultratrail 2015 – Schlechtes Wetter kann uns Nichts…


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In meiner Timeline fällt in den letzten Tagen zunehmend oft das Zauberwort ZUT, und siehe da: Tatsächlich, der Countdown zu diesem einmaligen Trailevent, bei dem ich vor 2 Jahren meine Liebe zum Rennen in den Bergen entdeckt habe, läuft schon wieder. Und unvermittelt habe ich grinsend ein Bild vor meinen Augen: Ich schrubbe und schrubbe meine Salomons in der Badewanne und sehe dem Schlamm zu, wie er in dem Abfluss verschwindet. Und während sich Schweisstropfen auf meiner Stirn bilden, da die sommerlichen Temperaturen die Dachgeschosswohnung in eine Sauna verwandeln, denke ich an das Trail-Highlight des deutschen Sommers 2015 Zugspitzultratrail zurück und kann nicht glauben, dass wir uns in einem Winterklima wiederfanden, in dem zwei Kleiderschichten kaum ausreichten.

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Aber zum Anfang: Weiterlesen

UTLW Klappe die Zweite – weil`s so schön war, gleich nochmal

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Wir haben gezögert, wie man nur zögern kann. Eigentlich bis zur letzten Sekunde.

Die Startplätze für die 2. Austragung des Ultra Trails Lamer Winkel hatten wir längst sicher, doch an Start war eigentlich nicht zu denken. Ulf´s verletzte Ferse nahm ihm schon den Rennsteig  übel und schrie nach einer Laufpause, um bis zum Tor des Geants zu genesen, dazu kam eine kleine Männergrippe. Ich hingegen hatte eine Laufpause vorzuweisen, und keine kurze. Die Gräser und Pollen liessen mich diesen Frühling schnaufen und husten, an solides Training oder gar lange Läufe war nicht zu denken. Beste Voraussetzungen eigentlich, einen Ultra NICHT anzutreten. Weiterlesen

Achtsamkeit. Zwischendurch und nur mal so.

 

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Du rennst im Wald auf Deinem Trail, spürst Nichts anderes als die kalte Luft, siehst Nichts anderes als die Bäume um Dich herum, die Dir den Weg zeigen. Du siehst all die verschiedenen, einzigartigen Bäume. Manche sind gebogen und schief, manche kerzengerade, fast stoisch. Manche sind kahl und knorrig, manche blühend und immergrün. Manche sind was-auch-immer. 

Du schaust auf diese Bäume und erlaubst ihnen, Alles zu sein. Du siehst und verstehst irgendwie, warum sie so sind. Du verstehst, dass der eine nicht genug Licht bekommt, und sich deshalb in diese Richtung dreht. Du  verstehst es und wirst nicht emotional deswegen, Du lässt ihn so sein, wie er ist. Du erlaubst es, lässt es zu. Du bist so dankbar, dass es diese Bäume gibt, jeder besonders auf seine Weise. 

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Und dann verlässt Du den Trail und es kommt wieder der Moment, an dem Du auf Menschen triffst. In dieser Sekunde verlierst Du das Alles wieder. Ununterbrochen sagst Du Dir: „Der ist zu….., sie ist so…..!“ Dein wertender, verurteilender Geist ist wieder da.

Wir könnten üben, Menschen im Geist in Bäume zu verwandeln. Was bedeutet, ihre Existenz einfach zu schätzen. Und ihre Art, einfach so, wie sie sind.

(inspiriert von Ram Das)

Habt eine wundervolle Woche!!! Eure Maty

 

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Treppenliebe – oder: Ein Engel in letzter Sekunde

Ich ziehe meinen Koffer schweigend über das Vorfeld zum Flugzeug, um mich herum plappern meine Kolleginnen fröhlich über ihre Vorhaben und Pläne in San Francisco, und ich bin in Gedanken so gar nicht bei der Sache. Noch vor keinen 14 Stunden pellte ich mich aus meinen stinkenden Laufklamotten, rutschte in die Badewanne und dachte immer und immer wieder über die verrücktesten letzten 24 Stunden seit langem nach:

Dass wir zu diesem Treppenmarathon in Radebeul wollten, wussten wir schon lange. Meine Trailschwestern und ich liebten verrückte, besondere Veranstaltungen. Und dieser Mount Everest Treppenmarathon war DEFINITIV verrückt und noch mehr besonders: Inmitten von Weinbergen ragt diese Spitzhaustreppe ganz unschuldig hervor und lockt zahlreiche Touristen nach Radebeul. Doch wer es mit ihr aufnimmt, kommt nach kurzem ordentlich ins Schnaufen. 397 Stufen bis zum Gipfel und halbem Herzstillstand.FullSizeRender-4

Nun machen zufällig 100 Treppenrunden 8848 Höhenmeter aus (eben die des Mount Everest) und nebenbei zwei Marathons. Und jetzt kommen die Verrückten ins Spiel. Jedes Jahr wagen es einige Ultraläufer, diesen Treppenmarathon zu bezwingen. Und das wollten wir auch! Nicht allein, dazu fehlte uns noch der Mut, aber als Team. Denn auch als Dreierseilschaft darf man sich für diesen Treppenlauf bewerben. Dann teilt man sich die Distanz, läuft das Ganze eben flotter, denn hier sind nicht 24 Stunden der Rahmen, sondern nur 16, danach muss Schluss sein.

Das fehlende Training aufgrund mangelnder Treppen am Wohnort machten Berenice, Oriane und ich   in den Wochen vor dem April wett mit Enthusiasmus, Vorfreude und großer Lust, sich ordentlich zu quälen. Unser Plan war es, unser Bestes zu geben, den Favoritinnen nicht allzu sehr im Weg zu stehen und nebenbei unser Lachen nicht zu verlieren. Unseren Teamnamen (3 Engel für die Treppe) haben wir uns nicht ausgedacht, sondern ausdenken lassen. Nahmen ihn aber als gutes Omen.IMG_6174 Unsere Team-Tanktops lagen bedruckt bereit (Tanktops. Ha. Ha. Ha.) und die Taschen gepackt. Samstag früh sollte es losgehen.

Und dann kam der Samstag Morgen. Und der Anruf von Oriane.

Eine Erkältung hatte sie niedergestreckt und ein Start war nicht mehr möglich. Wir waren zunächst fassungslos, platt, dann panisch. Berenice, die die ganze Nacht im Stau gestanden hatte und erst gegen Morgengrauen in Radebeul angekommen war, rieb sich ungläubig die Augen. Und ich packte stoisch weiter zusammen, fest entschlossen, dennoch loszufahren, auch wenn wir wussten, dass unser Start gestorben war. Natürlich telefonierten wir sofort alle uns bekannten und verrückten Trailfrauen zusammen, von denen wir wussten, sie seien spontan. Aber natürlich: Wer war denn bitte SO spontan? Es fand sich einfach kein Ersatz. Ich wollte mich schon damit abfinden, dass wir vor Ort dann halt unsere Yvi anfeuern würden, die den Treppenmarathon alleine laufen würde, packte meine Sachen geknickt und lustlos zusammen, als mir noch eine letzte Idee kam. Da war noch Hannah, eine Marathonläuferin, die mit ihrem Mann zusammen für die Lultras in der Welt herumrennt, bloggt und nebenbei total sympathisch ist. Sie wollte eigentlich beim Treppenmarathon nachts an der Verpflegungsstation aushelfen, also war sie sowieso vor Ort. Ich fasste kurz zusammen: Noch nie an der Treppe trainiert, aber vor kurzem einen Marathon gelaufen. Sie war immer in Bewegung, allerdings war sie bis vor kurzem verletzt. Es war sicherlich sinnlos. Aber meine letzte Chance:

FullSizeRender-3Stille. Ein paar Minuten. Ich wusste, Hannah überlegte. Fragte ihren Carsten um Rat. Aber nicht lange. Keine fünf Minuten später kam ihre Antwort: „Maty, wenn Du treppeln möchtest, ziehe ich das für Dich durch. Aber ich kann für Nichts garantieren. Ausser für meine Beisserqualitäten.“ JA!!!!!!!! JAAA! JAAAAA! Wir waren wieder komplett! Hannah, Dich hat der Himmel geschickt, die Engel konnten starten! IMG_6910

Wir waren so froh und schmissen unsere Renntaktik prompt um: Hannah musste irgendwie die 25 Runden schaffen, damit wir gewertet würden. Und so lautete unser Ziel jetzt: Jede läuft 25 Runden, der Rest war Kür. 100 Runden waren nicht mehr das Ziel, sondern Dabeisein, Durchziehen, Crewlove. Unsere Euphorie schlug wieder Saltos.

Bis zum Start.

Es war kurz vor Mitternacht, die Einzelstarter schon seit über sieben Stunden unterwegs, das Sportlerzelt füllte sich mit den 22 Dreierseilschaften, die Stimmung war eher ruhig, was ich der allgemeinen Müdigkeit zuschrieb. Bere zischte, wie cool sie es fand, dass hier kein Schaulaufen der Eitelkeiten stattfand. Die Ultras auf der Strecke waren die wahren Freaks und einfach entspannt. Das Briefing wurde von Ulf zügig und konzentriert durchgezogen, es konnte nun endlich losgehen. Berenice sollte als Erste starten, wir nahmen Hannah in unsere Mitte und waren bereit. IMG_6913

 

Runde 1: Der Schock.

Als Bere nach etwa sieben Minuten wieder zurück war und Hannah abklatschte, fragte ich sie sofort, wie es war. Sie war noch nie zuvor an der Spitzhaustreppe, wusste vorher also nicht, was sie erwartete. Und ihr Gesicht sprach Bände: „Anstrengend“, keuchte sie. Na super. Auch Hannah kam mit hochrotem Gesicht an. Dann war ich dran. Und obwohl ich schon einige Male die Treppe rauf- und runtergelaufen bin, bin ich sie noch nie gerannt. Sie nahm einfach kein Ende. Hinab war vollste Konzentration gefragt, da die Laternen Schatten auf die Stufen warfen, hinauf hätte ich gern am Sani-Zelt Halt gemacht. Mein Puls raste, die Herzfrequenz schwebte über Maximum, und überhaupt, was sollte diese letzte Steigung zum Ziel hinauf? Sonst rannte ich sie doch immer? Wie gern wäre ich diese jetzt gekrochen. Beissen, Maty! Ich fühlte mich wie am Ende eines 5km-Laufs. Aber es sollten noch zig folgen?! Ulf bestätigte mir besorgt mein frustriertes Gesicht.

Runde 2-6: Krass. Der Spass wollte sich nicht so recht einstellen. Es war ein einziges Intervalltraining, und die Pausen dazwischen reichten gerade einmal, um durchzuschnaufen, etwas zu essen und auszukühlen. Dann sollte es schon wieder rausgehen aus dem Zelt zum Startblock. Wo waren die strahlenden Engel, die mit Spass über die Runden fliegen wollten? Keine Ahnung, nicht in Radebeul.

Runde 7-12: Na endlich, wir fanden unseren Rhythmus. Es ging eben nicht ganz so turboschnell wie bei den anderen Freaks, aber wir gewöhnten uns an den Schmerz der Steigung, irgendwann gingen die 8 Minuten rum. Einfach von Runde zu Runde hangeln. Bloss nicht nachdenken über die nächsten 13 Stunden.

Runde 13-30: Regen.IMG_6764

Mist. Er wurde vorhergesagt, und Alle rechneten mit nassem Wetter, aber dass es so in Kübeln giessen sollte, ahnte niemand. Eine Treppenrunde reichte vollkommen, um komplett durchnässt zu sein. Keine Regenjacke hielt der Nässe stand und Umziehen war keine Option. Wer hatte schon 30 Komplettgarnituren dabei? Uns blieb Nichts übrig als hinauszurennen, triefend zurückzukommen, auszukühlen und weiterzumachen.

Das Sportlerzelt, welches Alle für die Pausen nutzen, wurde muffig und feucht. Keine Sachen konnten so recht trocknen und zudem bildeten sich kleine Wasserläufe ihren Weg durch das Zelt, die in Kürze alle Taschen und Schuhe durchnässten. Was für eine mentale Schule. Aber: Niemanden störte es wirklich und wir hatten Spass. Berenice liebte sogar diesen Regen, Tatsache!

Runde 31-40: Das Verpflegungszelt

Trotz der späten Stunde, der Kälte, Nässe, aller Mimimi`s war die Stimmung ungebrochen gut. Woran lag es? Sicherlich können Ultraläufer sich gut quälen, dies ist ein Charaktermerkmal, das ich an ihnen sehr schätze. Doch hier war noch einiges anders: Die gesamte Veranstaltung hatte so viel Herz. Nichts war gekünstelt, Vieles improvisiert, Alles authentisch. Im Verpflegungszelt standen in den nächtlichen Stunden zig Freiwillige, die mit Herzblut und Fleiß herrliche Brote schmierten, Kuchen anschnitten, Tee kochten. Das Buffet war genial, die aufmunternden Worte dazwischen so wertvoll. Danke dafür! Essen, Trinken, Lachen, weiter ging es…

Runde 41-60: Es wurde endlich hell! Die Vögel kündigten den Morgengrauen an, und mit dem Tageslicht kamen neue Kräfte zurück. Noch in Runde 30 spürte ich ein deutliches mentales Tief in unserem Team und ich zweifelte kurz, ob wir es schaffen würden. Doch der Morgen mobilisierte wieder unsere Kräfte. Der Regen ließ nach, wir zogen trockene Sachen an, und wir konnten weiterlaufen. Inzwischen waren wir bald 10 Stunden in Bewegung.IMG_6911

Runde 61: Überraschung! Irgendjemand sagte uns, dass wir auf dem Dritten Platz bei den Frauen lagen, die vierte Damenmannschaft uns nicht mehr einholen könne. Wir schauten uns ungläubig an. Damit haben wir nicht gerechnet! Treppchen? Niemals! Etwa doch? Genial.

Runde 62-75: Die Oberschenkel fühlten sich an wie Gummi, die Treppe war jedes Mal länger (Ulf, Du hast doch Stufen hinzugefügt!), und dennoch war klar: Hannah würde locker über die 25 Runden kommen, und wir auch! Diese Nacht würden wir Siegerinnen sein, Zeit egal, der Crewgedanke ließ die Engel doch noch schweben. Halleluja!IMG_6865Runde 76-90: Krisensitzung. Wir haben unser gesetztes Ziel erreicht, wieviel mehr war drin? 5 Runden für jede von uns auf jeden Fall, sagten wir im Chor. Auch wenn es weh tat, aber wir waren im Flow, hatten diesen Zustand erreicht, an dem es zwar weh tat, es uns aber Nichts mehr ausmachte, der Geist nicht mehr rebellierte, der Körper einfach folgte. Bere war die Rakete von uns. Sie zog Runde für Runde gleichmäßig durch und strahlte uns immer im Zelt an, wir folgten ihr einfach. So ging Teamspirit.IMG_6863-1

Wenn man mich fragt, was ich am Ultralaufen und an Ultraläufern so liebe, bewundere, antworte ich jedes Mal: Die Überschreitung der eigenen Grenzen, das Vermögen, den rebellierenden Körper zu mobilisieren, die persönliche Krise auszuharren, sie wahrzunehmen, aber nicht zu werten. Sie geht vorbei, der Körper macht weiter. Nach jedem Tief kommt ein Hoch, man muss nur geduldig sein. Die Yogis atmen sich durch eine Krise, sie atmen einfach weiter, werten nicht, haben Geduld. Ein Ultraläufer tut Nichts anderes, er läuft einfach weiter, oder er geht, bis es wieder läuft. Im Ultralaufen, im Treppensteigen, so auch im Leben.

Und so liefen wir unsere 90 Runden zusammen. Dann zögerten wir noch ein letztes Mal: Nur noch 10 Runden, und wir hatten 90 Minuten Zeit!? Sollten wir? Noch einmal Gas geben, mobilisieren? Wir grinsten. Keine zweifelte, dass wir es nicht durchziehen konnten. Doch wir waren so dankbar für diese Nacht: Hannah hat 30 Runden durchgezogen, und sie verdiente die Medaille für die spontanste Aktion des Rennens. Berenice und ich waren unglaublich dankbar und happy, dass wir überhaupt starten durften. Auf uns warteten mehrere Stunden Autofahrt, jede von uns musste noch am gleichen Abend heim. Also war es nur vernünftig: Aus – vorbei- wir waren fertig. IMG_6912

Dieser METM hatte es uns angetan. Nicht nur uns als Team und Mädelscrew. Ulf, der zwischen all seinem Orga-Stress immer wieder bei uns blieb, mir die Babydecke reichte <3, Du warst der Beste! All die motivierenden Worte und der aufmunternde Blickkontakt zwischen den Läufern, von Konkurrenz keine Spur, so cool! Die Stimmung der Helfer, Brötchenschmierer, aller Beteiligten, grandios! Carsten, Du hast sicher nicht geahnt, was deine Hannah leisten kann, oder? Conni, Kersten, Gabi, Matze, Katja, Anja, Conny, Peter, Uwe: Danke für Eure Motivation!!!

Wir kommen wieder. Weil wir glauben, dass dieser Underdog METM etwas Besonderes ist.

 

Aber vorher noch: Die Siegerehruuuuuuung!!!!

IMG_6873-1Die drei Engel vermelden: Übermüdet, geschafft, aber glücklich wie schon lange nicht mehr.

WE LOVE #METM!!

Hochachtungsvoll – Deine Füsse

Lieber Läufer,

oder wie sollen wir Dich nennen: Ultraläufer, Trailläufer, Cityläufer, Asphaltläufer..?Du läufst oft, Laufen ist Deine Leidenschaft, Dein Hobby, Dein Tagesabo.

Du bist stolz, wenn Du mal schneller bist, als letzten Monat, wenn Du Deine Medaillen anschaust oder mit Deinen Lauffreunden über die beste Sprengung diskutierst. Du gibst Unmengen von Geld für Laufklamotten, Stirnlampen, Stöcke, Buffs, Socken, Söckchen, Kompressionstights, Laufanalysen, Trainingspläne, Bücher, Zeitschriften und Marathonfotos aus und postest ständig diese schrecklichen „schaut-her-mein-cooler-Zieleinlauf-Fotos“, wobei wir beide wissen, dass Du die restlichen 90 Prozent des Laufs vor Dich hinstarrst wie ein Hamster im Laufrad. Weiterlesen

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Enlight1Neulich abends sortierte ich mal wieder Bilder aus und entrümpelte meinen überquellenden Foto- und Erinnerungsordner, da er sich so langsam nicht mehr schließen ließ. Ich neige dazu, alle Kleinigkeiten und Schnipsel, die mich an Wettkämpfe, Läufe und Reisen erinnern, aufzuheben, bis es eben nicht mehr geht und der Papiercontainer ruft.

Bis mir das Foto von meinem ersten Marathon in die Hände fiel. Und auch das Zielfoto des allerersten Halben sowie meines ersten Ultralaufs. Diese Erinnerungen sind so kostbar und wichtig, einmalig und motivierend, dass ich sie immer aufheben werde. Und ich kenne kaum Personen, die keine ach, so teuer erstandenen Bilder ihres ersten großen Wettkampfs in der Schublade haben. Weiterlesen